Episoden
Eine breite und zugeschneite Straße, befahren von Kutschen und Fuhrwerken. Eine große Säule auf einem rechteckigen Sockel dominiert das Bild und überragt die umgebenden Gebäude. Die Sonne steht tief, und die Luft wirkt kalt und nebelig.
7

Der Alchemist

Episode:
7
Version:
V1.0
Erstveröffentlichung:
Länge:
9.100 Wörter
Lesedauer:
43 Minuten
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Der Alchemist

Ich lauschte dem Zwitschern der Vögel, dem Rauschen der Bäume, dem Quaken der Enten. Der Verkehrslärm einer Metropole, er war weit weg und bloß noch ein gedämpftes Summen im Hintergrund.

Auf dieses Wochenende hatte ich mich schon lange gefreut. Der Flug nach London ging sehr früh und war pünktlich, die Anreise zum Hotel unkompliziert. Mein Zimmer war noch nicht fertig, also ließ ich das Gepäck an der Rezeption und beschloss, ein wenig durch die Stadt zu bummeln.

Mein Weg führte mich schließlich zu einer Parkbank im St James’s Park. Ich setzte mich, streckte die Beine aus, legte die Arme auf die Rückenlehne und genoss die wärmende Sonne.

Für einen Augenblick nickte ich ein. Mein Kopf kippte zur Seite, und ich schreckte hoch. „Schlafen kannst du heute Nacht noch“, schimpfte ich leise und drehte mich in eine unbequemere Position.

Doch es nutzte nichts. Die Sonne, das Rauschen, es war fast meditativ. Wieder fielen mir die Augen zu, und ich…

„Wachen Sie auf, sofort!“, rief eine forsche Stimme. „Ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie hier ein Nickerchen machen!“

„Aber ich habe doch Urlaub“, murmelte ich verschlafen.

Richtig. Ich hatte Urlaub. Ich saß in London auf einer Parkbank, weit weg von der Arbeit.

Irgendetwas stimmte nicht.

Und warum war es auf einmal so kühl?

Ich blinzelte vorsichtig. Mein Kopf ruhte auf der glatten Oberfläche eines Schreibtischs aus massiver Eiche. Zu meiner Rechten stand ein antikes Schreibset, die Feder in der Tinte, daneben eine Öllampe, deren verrußtes Glas kaum noch Licht durchließ.

Als ich mich aufrichtete, stand sie vor mir, eine Frau in einem taillierten schwarzen Jackett über einem weißen Hemd mit hohem Kragen. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und schüttelte enttäuscht den Kopf.

Es war Miray.

Ich ließ den Blick durch den Raum wandern. Er hatte weder etwas von einem Büro noch von einem Wohnzimmer. Ein Schaufenster und eine Glastür trennten uns von einer verschneiten Straße.

Zwei Schreibtische standen sich wie Kontrahenten gegenüber. An dem einen saß ich, der andere gehörte offenbar ihr.

Im hinteren Teil des Raumes luden eine Chaiselongue und ein Ohrensessel zum Verweilen ein, dazwischen gab ein gusseiserner Ofen behagliche Wärme ab. Eine offene Tür führte in eine kleine Teeküche, daneben nahm ein gewaltiges Regal die gesamte Wand ein. Es war schwer beladen mit Büchern und Zeitungen, sortiert nach einem System, das sich mir nicht erschloss.

Erst jetzt fiel mir der Schriftzug an der Fensterscheibe auf. In goldenen Lettern stand dort: Miray & Co. Inquiry Office.

„Inquiry Office?“, murmelte ich.

Miray nickte. „Wie es aussieht, führe ich eine Detektei in London.“

„London!“, rief ich verblüfft. „Ich bin gerade in London. Also, mein wirkliches Ich ist gerade dort.“

„Lass mich raten: Du hast dir eine riesige Portion Fish and Chips reingezogen und bist danach auf einer Parkbank eingenickt?“

Ich lachte laut. „Fast. Ich habe noch nichts gegessen.“

Ich ging zum Fenster und warf einen Blick hinaus. Ein paar feine Schneeflocken fielen tänzelnd auf den Gehsteig.

„Welcher Tag ist heute?“, fragte ich.

„Der sechste Januar 1882, laut Zeitung.“ Sie grinste schief. „Mein Geburtstag.“

„Dein Geburtstag?“ Überrascht ging ich zu ihr und drückte sie. „Herzlichen Glückwunsch, Miray. Du hast dich gut gehalten für sicher über minus hundert Jahre.“

Sie sah mich von der Seite an. „Das klingt nicht gerade nach einem Kompliment.“

Ein Mann blieb vor unserem Schaufenster stehen. Hochgewachsen, mittleren Alters, in einen schweren Mantel gehüllt. Auf dem Kopf trug er einen makellosen Zylinder, in der Hand einen Stock mit graviertem Knauf. Sein Gesicht war faltig, die Augenbrauen buschig, und unter der breiten Nase trug er einen grauen, sorgsam getrimmten Schnurrbart.

„Feinster Tweed“, stellte ich fest, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. „Der Mann hat Geld. Vielleicht ein Banker? Oder ein Politiker?“

Sie trat näher. „Sind dir die Druckstellen auf seinem Nasenrücken aufgefallen? Zwei kleine, symmetrische Dellen. Der Mann trägt einen Zwicker, und das nicht gelegentlich, sondern stundenlang.“

„Er könnte ein Buchhalter sein.“

„Ein Buchhalter?“ Miray lachte laut auf. „Glaub mir, die verwenden keine Geldscheine als Klopapier. Sein Mantel allein dürfte das Jahresgehalt eines Zahlenjockeys gekostet haben. Dazu der Stock und der Zylinder. Nein, er hat Geld, oder er tut zumindest alles, um danach auszusehen.“

Draußen zog der Mann eine Taschenuhr hervor, klappte sie auf und starrte darauf, als hielte er ein Orakel in der Hand, das ihm keine Antwort gab. Dann schnappte er sie wieder zu und ließ sie in seine Tasche gleiten. Er strich sich über den Schnurrbart, sein Blick fiel abwesend in die Ferne.

„Auf wen wartet er?“, fragte ich.

„Ich glaube nicht, dass er wartet“, sagte Miray leise, als könne der Mann uns hören. „Er traut sich nicht hinein.“

Der Blick des Mannes fiel erneut auf den Schriftzug an der Scheibe. Er seufzte. Dann, als hätte man einen Schalter umgelegt, richtete er sich auf und stieß seinen Stock in den Schnee. Resolute Schritte trugen ihn zur Tür. Ein Glöckchen an einer Spiralfeder begrüßte ihn mit einem leisen, hellen Klang, als er sie aufstieß und eintrat.

Er sah uns an. Erst mich, dann Miray, dann wieder mich. Schließlich kam er auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.

„Mr Miray?“, sprach er mit tiefer, selbstbewusster Stimme.

Ich sah ihn verlegen an, dann deutete ich mit der flachen Hand zu meiner Chefin. Er folgte meiner Geste. Die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Miss… Miray?“

Seine Stimme klang nicht mehr so selbstbewusst wie vorhin.

Sie nickte ernst.

„Ein ungewöhnlicher Name“, kommentierte er, während er ihre Hand drückte.

„Aus dem Orient. Bedeutet wohl so viel wie ‚Mondherrscherin‘.“ Ihr Blick glitt zu mir. „Und das ist mein Kompagnon, Mr Dian.“

Er sah mich überrascht an.

„Noch ein ungewöhnlicher Name. Ebenfalls aus dem Orient?“

Ich schüttelte den Kopf. „Meine Mutter bewunderte die Princess of Wales. Wäre ich ein Mädchen geworden, hätte sie mich Diana genannt. Aber es wurde ein Junge, also…“

Er unterbrach mich. „Die Princess of Wales? Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Alexandra von Dänemark? Ich gestehe, mir erschließt sich der Zusammenhang nicht.“

Ich sah Miray an. Sie hatte ein amüsiertes Grinsen aufgesetzt und beobachtete gespannt, wie ich mich aus dieser Bredouille herauswinden würde. Ich hatte nicht bedacht, dass die berühmte Lady Di erst in fast achtzig Jahren geboren wurde.

„Meine Mutter hatte einen etwas merkwürdigen Humor“, sagte ich ausweichend.

Miray schüttelte sanft den Kopf. Es war ein schwacher Versuch, aber er schien unseren Gast zufriedenzustellen.

„Mit wem haben wir die Ehre?“, übernahm sie.

Der Mann räusperte sich. „Mein Name ist Charles Wellington von der Lancaster & Wellington Insurance Company.“

Miray deutete zur Chaiselongue, und er nahm dankend Platz. Sie selbst setzte sich in den Ohrensessel.

Ich brachte Wellington und Miray eine Tasse Tee. Dann goss ich mir selbst einen ein und zog mich hinter meinen Schreibtisch zurück. Von hier hatte ich die beiden gut im Blick.

Miray ließ ein Stück Zucker in den Tee fallen, bevor sie unseren Gast ansah.

„Ich nehme an, es war nicht das Rätsel über die Herkunft unserer Namen, das Sie zu uns geführt hat.“

Wellington nickte. „Die Lancaster & Wellington Insurance Company ist ein junges Versicherungsunternehmen“, begann er, „doch wir erheben die strengsten Ansprüche an uns selbst und dürfen uns bereits des Vertrauens einer erlesenen Kundschaft erfreuen.“

Miray stellte ihre Tasse auf ein Tischchen und erhob sich.

„Mr Wellington, falls Sie sich die Mühe eines Besuchs gemacht haben, um uns eine Versicherungspolice zu verkaufen, befürchte ich…“

Er winkte sofort ab.

„Nein, nein, darum handelt es sich keineswegs. Einer unserer geschätzten Klienten ist die Royal Art Gallery. Ihr Direktor, Mr Stirling, hat es nach langwierigen Verhandlungen mit dem Willemshuis in den Niederlanden geschafft, seiner Ausstellung das Gemälde eines Künstlers namens Vermeer leihweise zu überlassen.“

„Jan Vermeer?“ Miray ließ sich wieder in den Sessel fallen und beugte sich zu Wellington vor. Ihr Interesse war geweckt.

„Der Name ist Ihnen vertraut?“ Wellingtons Augen weiteten sich.

„Selbstverständlich.“

„Sie sind außergewöhnlich gut unterrichtet, Miss Miray! Jan Vermeer ist außerhalb kunstinteressierter Kreise für gewöhnlich gänzlich unbekannt.“

Miray schmunzelte, ein flüchtiges Zucken ihres Mundwinkels. „Ich bin überzeugt, dass sich das eines Tages ändern wird“, sagte sie geheimnisvoll. „Da Sie uns aufsuchten, nehme ich an, dass das Gemälde nicht in der Royal Art Gallery angekommen ist?“

Wellington nickte ernst. „Das Werk wurde aus ’s-Gravenhage nach London verschifft und ist heute früh in den St Katharine Docks eingetroffen. Mr Stirling persönlich war zugegen und hat es am Lagerhaus in Empfang genommen. Anschließend wurde es unter Polizeieskorte zum Museum überführt. Als sie dort ankamen, war das Gemälde spurlos verschwunden.“

„Wurde Scotland Yard eingeschaltet?“, fragte ich.

„Selbstverständlich. Doch Scotland Yard interessiert sich weitaus mehr für die Ergreifung des Täters.“ Wellington trank einen Schluck. Seine Hand zitterte leicht, als er die Tasse abstellte. „Sollte die Versicherungssumme fällig werden, geriete die Lancaster & Wellington Insurance Company in erhebliche Bedrängnis. Unser vornehmliches Ziel ist es, das Gemälde zurückzuerhalten. Wer es entwendet hat, ist für uns von nachgeordneter Bedeutung. Meine Sekretärin empfahl mir, Ihr Büro mit der Wiederbeschaffung zu betrauen.“

Miray sah mich an. Ich nickte ihr kurz zu. Es war klar: Das hier war unser Abenteuer.

„Ich nehme den Fall an, Mr Wellington“, sagte sie. „Ich bin überzeugt, dass das Bild bald wieder in den Händen seiner Eigentümer ist.“

Wellington nickte dankbar. „Wenn Sie mich zum Museum begleiten möchten? Man erwartet uns dort bereits.“

Ich freute mich, endlich aus dem stickigen Büro herauszukommen, aber die Luft vor der Tür war kaum besser. Die Schornsteine der Häuser qualmten und legten die Straße in einen dichten Smog, der sich wie Sirup atmen ließ. Der Ruß brannte in meiner Nase und legte sich auf die Zunge, bitter und metallisch.

Von irgendwoher drang das dumpfe Klappern von Pferdehufen. Ein Zeitungsjunge verkaufte ein Extrablatt über das verschwundene Gemälde, seine Stimme klang weit weg. Die Kälte kroch langsam durch meinen Mantel und ließ mich frösteln.

Wellington stapfte ein paar Schritte voraus durch den Schnee. Er hob den Gehstock und winkte damit einem Kutscher, der auf dem Kutschbock eines Clarence saß und auf ihn zu warten schien.

„Du hast schon eine Spur?“, flüsterte ich Miray zu.

Sie zuckte kurz mit den Schultern. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo das Gemälde geblieben sein könnte.“

„Und jetzt?“

Ich spürte ihren Arm unter meinem. Sie zog mich zu sich, und mein Herz machte einen Satz, als wir uns ansahen.

„Jetzt? Jetzt werden wir uns erst einmal anhören, was Stirling zu berichten hat.“

Kaum waren wir in den Clarence eingestiegen und hatten auf den kalten Ledersitzen Platz genommen, gab Wellington dem Kutscher die Anweisung, uns zur Royal Art Gallery zu bringen. Der Kutscher trieb die Pferde an, und der Wagen holperte unsanft über die Straßen aus grobem Pflasterstein.

Das Museum war ein imposantes Gebäude, das sich über vier Etagen erstreckte. Es bestand aus dunklem Sandstein, der in dem trüben Tageslicht fast schwarz erschien.

Vor dem Eingangsportal mit seinen großen Eichentüren standen zwei Wächter. Als wir ausstiegen, beobachteten sie uns argwöhnisch. Erst als sie Wellington erkannten, der den Kutscher bezahlte, entspannten sich ihre Mienen, und sie ließen uns in das Gebäude passieren.

Wellington führte uns direkt in das Büro, wo bereits drei Herren auf uns warteten.

Der Mann im teuren Anzug hinter dem breiten Schreibtisch war zweifellos Stirling. Sein schwarzer Zwirbelbart war sorgsam gestutzt, seine Haltung aufrecht, doch seine Augen verrieten, dass heute nicht sein Tag war.

Neben ihm saß ein schlanker Mann mit blondem Vollbart und steifem Kragen, der nicht ganz zum Rest seines Anzugs passte. Er trommelte ungeduldig auf die Armlehne, die Lippen zusammengepresst wie jemand, der jeden Moment seine Fassung verlieren könnte.

Etwas abseits, neben dem Tisch, stand ein Mann in einer verknitterten Regenjacke. Sein Gesicht war wettergegerbt, und sein Blick musterte uns mit der Aufmerksamkeit eines Mannes, der es gewohnt war, Menschen zu beobachten.

Der Mann hinter dem Schreibtisch erhob sich und kam auf uns zu.

„Stirling, Direktor der Royal Art Gallery“, sagte er ohne jede Einleitung. „Zu meiner Linken sitzt Mr Kuiper, Direktor des Willemshuis. Und dies…“ Er deutete auf die Gestalt in der Regenjacke, die uns mit missmutigem Blick musterte. „…ist Inspektor Leblanc von Scotland Yard.“

Stirling bot mir die Hand, ohne meine Begleiterin auch nur eines Blickes zu würdigen. „Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr Miray.“

„Dian“, antwortete ich knapp.

„Ich verstehe nicht.“

„Mein Name ist Dian.“ Ich deutete auf meine Partnerin. „Dies ist Miss Miray. Ich bin ihr Kompagnon.“

Stirling sah Miray irritiert an, dann blickte er hilfesuchend zu Leblanc.

„Es gibt da einen Detektiv in der Baker Street“, brummte dieser. „Soll ein tüchtiger Mann sein.“

„Der Ruf der Detektei Miray & Co. ist tadellos und eilt ihr voraus“, versicherte Wellington hastig. „Davon habe ich mich persönlich überzeugt.“

Stirling musterte Miray einen langen Moment, dann nickte er. „Nun denn. Ich hoffe, Sie werden uns bald gute Nachrichten überbringen, Miss Miray. Oder besser noch, das Gemälde selbst.“

Er bot uns Plätze an seinem Schreibtisch an, bevor er sich wieder in seinen Stuhl fallen ließ.

„Wurden Sie von Mr Wellington bereits unterrichtet?“

Er öffnete eine Zigarrenkiste und hielt sie uns hin.

Miray lehnte mit einer flüchtigen Handbewegung ab. „Nur, dass ein Gemälde von Vermeer auf dem Weg vom Lagerhaus ins Museum verloren ging.“

Es war Kuiper, der protestierte. „Es war nicht bloß ein Gemälde, Miss Miray. Es war der Alchemist, zweifellos eines von Vermeers größten Meisterwerken.“

„Wie groß war es?“, fragte Miray.

„Etwa 12 auf 10 Inch.“ In seinen Händen hielt Kuiper eine unsichtbare Leinwand, kaum größer als ein Blatt Papier. „Für Vermeer ein ungewöhnlich kleines Format. Aber welch eine Vollkommenheit auf so kleinem Raum.“

„Und das Gemälde kam sicher in London an?“

Stirling nahm eine Zigarre aus der Schachtel und schnitt die Spitze ab. Dann übernahm er das Gespräch wieder.

„Selbstverständlich. Ich begab mich persönlich zu den St Katharine Docks, um Mr Kuiper in Empfang zu nehmen. Er hatte das Gemälde in einer verschlossenen Transportkiste bei sich. Ich überzeugte mich noch vor Ort von dessen unversehrter Ankunft nach der Überfahrt.“

Er steckte sich die Zigarre in den Mund, zündete sie an und paffte kurz.

„Mr Kuiper und ich brachten die Kiste sodann in die Kutsche und fuhren zum Museum. Dort erwartete uns bereits Mr Pritchard, mein Kurator. Gemeinsam brachten wir sie in den Ausstellungsraum. Doch als wir sie öffneten, war die Kiste leer, das Gemälde verschwunden.“

Miray fächerte sich den Qualm aus dem Gesicht, bevor sie mit ihrer Befragung fortfuhr.

„Wer fuhr die Kutsche?“

„Nun, ich höchstpersönlich.“

„Gab es unterwegs irgendwelche Vorkommnisse? Wurden Sie aufgehalten oder gezwungen, die geplante Route zu verlassen?“

Stirlings Kiefermuskeln spannten sich. Er warf mir einen kurzen Blick zu. Es störte ihn sichtlich, dass eine Frau ihm solche Fragen stellte, und er erwartete von mir, dass ich eingriff. Als ich ihn bloß ernst ansah, wandte er sich wieder Miray zu.

„Ob ich einen Umweg fuhr? Mitnichten“, sagte er scharf. „Ich wählte den direkten Weg zum Museum. Mr Kuiper saß neben mir auf dem Kutschbock, und eine Eskorte von Scotland Yard begleitete uns die gesamte Strecke. Wir hielten kein einziges Mal, und alles verlief nach Plan. Was ist der Zweck dieser Fragen, Miss?“

Miray überging seine Bemerkung. „Als Sie die Kiste öffneten, war sie vollkommen leer?“

„Ja.“ Stirlings Miene verhärtete sich. „Zweifeln Sie an meinen Worten?“

Er sah Leblanc an, sein Blick eine Mischung aus Empörung und der Bitte um Unterstützung.

Leblanc räusperte sich und trat einen Schritt vor. „Es verhält sich, wie Mr Stirling es schildert. In der Kiste befand sich nichts weiter als das Tuch, in welches das Gemälde gehüllt war.“

„Das Tuch?“ Miray rieb sich nachdenklich das Kinn. „Weshalb stiehlt jemand das Bild, lässt aber das Tuch zurück? Ich möchte es gerne sehen.“

Missmutig drehte Leblanc sich um, nahm es von einem Stuhl hinter ihm und reichte es Miray. Es war ein schlichtes graues Leinentuch, an mehreren Stellen zerknittert. Sie sah es sich an, ließ das Gewebe zwischen ihren Fingern gleiten. Dann faltete sie es auseinander, hielt es vor sich und betrachtete es von beiden Seiten.

„Haben Sie schon das Monogramm bemerkt?“, fragte sie und deutete auf eine kleine Signatur in einer Ecke. Es sah aus wie ein roter Anker, der die Buchstaben JB formte.

„Das Tuch stammt aus dem Willemshuis“, sagte Stirling und wandte den Blick Kuiper zu.

Der schüttelte ratlos den Kopf. „Wir kennzeichnen unsere Tücher nicht auf diese Weise.“

„Lassen Sie mal sehen!“ Leblanc riss das Tuch an sich.

Er starrte auf die Stickerei, dann verzog er die Lippen. „Bishop“, brummte er und ließ das Tuch sinken.

„Bishop?“, wiederholte Stirling.

Für einen Augenblick huschte ein stolzes Lächeln über Leblancs Gesicht. „Das ist das Monogramm von Jack Bishop. Ein Dieb von außergewöhnlicher Dreistigkeit, der uns schon seit geraumer Zeit zu schaffen macht. Ihnen, Miss Miray, ist er gewiss kein Fremder.“

„Oh ja“, fiel ich ein und sah Miray provokativ an. „Du kennst Bishop gut, nicht wahr?“

Ich wusste, sie würde seine Geschichte genauso wenig kennen wie ich. Nun war ich an der Reihe, dabei zuzusehen, wie sie sich aus der Bredouille ziehen würde.

Sie sah mich an, und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.

Dann setzte sie eine Miene auf, als wüsste sie längst Bescheid, und wandte sich Leblanc zu. „Die Ehre, über Bishop zu berichten, gebührt selbstverständlich allein dem Inspektor. Ich bestehe darauf.“

Leblanc nickte anerkennend.

„Jack Bishop ist kein gewöhnlicher Dieb. Zahlreiche Einbrüche in Banken und Handelshäuser gehen auf sein Konto. Er öffnet Schlösser und Tresore, als wären sie unverschlossen. Stets hinterlässt er sein Monogramm, einen Anker, dessen Arme aussehen wie ein JB.“

Leblancs Stimme klang beinahe ehrfürchtig.

„Vor zwei Jahren schnappten wir ihn, als er ein Schiff nach Irland auszuräumen gedachte. Ihn erwarteten zehn Jahre Zuchthaus in Dartmoor, eine gerechte Strafe. Doch vor nunmehr zwei Wochen ist er ausgebrochen.“ Er ballte die Faust. „Kunst stahl er bislang nicht, aber er stiehlt eigentlich alles, was sich zu Geld machen lässt. Dieser Fall trägt unverkennbar seine Handschrift. Ich werde unverzüglich eine Fahndung nach ihm einleiten.“

Stirling nickte zufrieden, bevor er sich erhob.

„Vortrefflich, Miss Miray. Wie es scheint, ist der Fall damit so gut wie gelöst.“

„Noch ist das Gemälde nicht zurück“, erwiderte Miray und stand ebenfalls auf. „Ich möchte gerne eigene Nachforschungen durchführen.“

Stirling wechselte einen amüsierten Seitenblick mit Leblanc. „Wenn Sie es wünschen, Miss Miray. Mr Pritchard steht Ihnen zur Verfügung.“

Wir verabschiedeten uns und verließen das Museum. Als wir auf der Straße standen, atmeten wir erst einmal tief durch.

„Ein Meisterdieb also“, sagte ich. „Und Scotland Yard ist ihm schon auf der Spur.“

„Mag sein.“ Miray nickte, aber glücklich schien sie nicht. „Bin ich die Einzige, die sich fragt, wie der Dieb es geschafft hat, das Gemälde aus einer bewachten, fahrenden Kutsche zu stehlen?“

„Das wird uns Bishop sicher erklären, wenn wir ihn haben.“

Sie tippte sich auf die Nasenspitze, eine Geste, die ich mittlerweile nur zu gut kannte. Ich ließ sie in Ruhe nachdenken.

„Lass uns zu den Docks fahren“, sagte sie schließlich. „Vielleicht finden wir dort etwas heraus.“

Sie winkte eine kleine Droschke herbei und wies den Fahrer an, uns zu den St Katharine Docks zu bringen. Die Kutsche holperte auf dem Weg dorthin schlimmer als der Clarence, der uns zum Museum gebracht hatte.

Der Wagen, der Kutscher vor meiner Nase, das Pferd, das uns zog, das alles fühlte sich beinahe touristisch an. So etwas wie ein Freizeitpark mit einer Führung durch das viktorianische London.

Aber das war es nicht. Weit und breit gab es keine Autos, keine Leuchtreklamen, ich hörte kein Heulen von Polizeisirenen oder das Dröhnen von Flugzeugen.

„Miray?“

„Mhmm?“

„Was meinst du? Ist diese Welt hier echt? Ich meine, sind wir gerade wirklich im London des Jahres 1882?“

„Jetzt geht das wieder los“, stöhnte sie. „Wir haben das doch schon geklärt, Dian. Das alles ist ein Traum, das Produkt meiner Einbildung. Dich eingeschlossen. Finde dich endlich damit ab.“

Da war sie wieder, diese Behauptung, dass ich nicht existierte. Ich versuchte, den Gedanken aus meinem Kopf zu schütteln.

„Das meine ich nicht, Miray. Ich meine… Vielleicht ist das tatsächlich ein Traum, wie du sagst. Dann hätte alles, was wir tun, keine echten Konsequenzen.“

Ich hoffte, Miray würde verstehen, worauf ich hinauswollte. Sie sah mich aber nur gelangweilt an.

„Vielleicht ist es aber auch kein Traum, sondern Realität“, fuhr ich fort. „Vielleicht sind wir tatsächlich hier. Hätten unsere Taten dann Auswirkungen auf unsere Gegenwart?“

„Du meinst so etwas wie das Zeitparadoxon aus schlechten Hollywoodfilmen?“

„Genau das meine ich. Was ist, wenn ich dafür sorge, dass meine Eltern sich nie treffen? Höre ich dann auf zu existieren, sobald ich zurückkehre?“

Sie schnaubte kurz. „Ich kenne meine leiblichen Eltern nicht einmal.“

Das hatte ich vergessen. Es war aber auch nicht der Punkt.

„Gut, anderes Beispiel. Angenommen, ich baue einen Kutschenunfall. Wird unsere Welt eine völlig andere sein, wenn ich dabei aus Versehen Queen Victoria töte?“

Miray verdrehte die Augen. „Das Einzige, was du tötest, sind meine Nerven.“

Es war zwecklos, mit ihr darüber zu sprechen. Frustriert sah ich auf die Straße, beobachtete die Häuserfronten, die an uns vorbeizogen.

Die Droschke hielt in der Nähe der St Katharine Docks. Die letzten Meter würden wir laufen müssen, also machten wir uns auf den Weg durch Matsch und zertrampelten Schnee.

Das Lagerhaus befand sich direkt am Kai. Gleich neben einem großen Tor, das ins Gebäude führte, standen mehrere leere Holzkisten, sorgsam gestapelt und aneinandergereiht, beinahe wie ein großer Tisch.

Ein junger Mann stand neben einer der Kisten und rieb sich grübelnd das Kinn. Er trug einen braunen, schlabbrigen Mantel, eine schwarze Melone auf dem Kopf und um den Mund herum einen etwas wilden Backenbart.

Als er uns bemerkte, kam er auf uns zu. „Verschwunden, einfach verschwunden, dieser Van Meer. Unglaublich, nicht wahr?“

„Vermeer“, korrigierte Miray ihn und deutete auf das kleine Notizbuch, das er wie eine Waffe in der Hand hielt. „Presse?“

Er nickte. „Thompson, Evening Standard. Und Sie?“

„Miray, Miray & Co. Inquiry Office.“

„Eine Dame als Spürhund?“ Mit dem Bleistift schob er seine Melone in den Nacken. „Wo soll das enden?“

„Weiß nicht. Vielleicht bei Reporterinnen, die keine dummen Fragen stellen.“

Für einen Augenblick stand Thompson der Mund offen. „Sind Sie an dem Fall dran?“, fragte er schließlich.

„Könnte sein.“ Sie warf einen Blick zu den Kisten, dann deutete sie mit dem Daumen dorthin. „Waren Sie dabei, als Mr Stirling das Bild in Empfang nahm?“

„Warum sollte ich Ihnen etwas erzählen?“ Er lächelte müde. „Wir verdienen beide unser Brot mit Informationen. Schnüffeln Sie selbst.“

Miray zuckte mit den Achseln. „Wie Sie meinen. Das mit dem Monogramm werden Sie früher oder später sowieso erfahren. Im ungünstigsten Fall aus einem anderen Abendblatt.“

Thompsons Augen weiteten sich. „Ein Monogramm?“

Miray grinste breit.

Er presste die Lippen zusammen, klopfte mit dem Stift auf sein Notizbuch. Dann seufzte er laut und nickte resigniert.

„Mr Stirling machte ein riesiges Tamtam daraus. Hatte von der Evening News bis zur Times alles eingeladen, was zwei Beine hatte und einen Bleistift halten konnte. Hier draußen war es. Er stellte die Kiste ab, öffnete das Vorhängeschloss, wickelte das Bild aus dem Tuch und zeigte es uns.“

Für einen kurzen Moment verzog er das Gesicht. „Klein war’s, das Bild. Beinahe winzig. War ein Mann drauf zu sehen. Stand an einem Tisch am Fenster. Sonst noch Bücher, Flaschen, Kolben, so was halt. Keine Ahnung, warum das so ein Aufsehen war. Maler wie diesen gibt es zuhauf.“

„Jaja…“ Miray rührte ungeduldig mit der Hand in der Luft. „Was passierte dann?“

„Dann? Nichts. Er wickelte das Bild wieder in das Tuch, hielt es noch einmal feierlich hoch. Dann legte er es in die Kiste zurück und schloss ab. Er trug sie in die Kutsche. Dann fuhren er und der Holländer davon. Begleitet von einer Eskorte wie bei einem Staatsbesuch.“

Miray sah zu den Holzkisten am Lagerhaus. „Ein ungewöhnlicher Ort hier draußen, um ein Gemälde zu zeigen, finden Sie nicht?“

„Weiß nicht. Er sagte, drinnen wär’s zu dunkel, um die Pinselführung zu bewundern. Ich hab’s nicht so mit der Kunst.“

Sein Gesicht wurde ernst. „Was ist jetzt mit dem Monogramm?“

„Es war auf dem Tuch“, antwortete ich.

Er schüttelte den Kopf. „Unmöglich. Da war kein Monogramm. Wir alle sahen das Tuch, als er das Bild auspackte.“

„Fakt ist, im Museum war eins darauf. Ein Anker, der aussieht wie ein JB.“

Thompsons Kiefer klappte herunter. „JB?“, stammelte er. „Jack Bishop?“

Ich nickte. „Scotland Yard ist bereits hinter ihm her.“

Seine Hand flog zur Melone. „Das ist eine Sensation!“, rief er. „Verraten Sie das bloß keinem! Das bringe ich exklusiv in die Abendausgabe.“

Er rannte davon, als hätte er ein Gasleck in einer Zündholzfabrik entdeckt. An der Straße angekommen, lief er vor eine Droschke, die gerade noch rechtzeitig bremste. Er sprang hinein und gestikulierte wild, bis der Kutscher verstand.

Ich sah der Kutsche hinterher, wie sie im Nebel verschwand.

„Dann können wir schon einmal ausschließen, dass das Gemälde hier abhandenkam“, stellte ich fest.

„Sieht so aus.“ Miray knurrte leise. „Fahren wir zurück zum Museum. Vielleicht fällt uns auf dem Weg dorthin etwas auf.“

Ich sah mich um. Diese Gegend kannte ich aus dem Reiseführer, den ich zu Hause durchgeblättert hatte.

„Haben wir zehn Minuten übrig?“, fragte ich.

Bevor sie antworten konnte, nahm ich ihre Hand und zog sie mit mir. Sie folgte, ihr Gesicht eine Mischung aus Neugier und Ungeduld.

Wir passierten Tower Hill, die Lower Thames Street und erreichten ein Denkmal.

„Eine Stadtbesichtigung? Ernsthaft?“ Miray deutete auf die sechzig Meter hohe Säule, die vor uns aus dem Boden ragte. „Was ist das?“

The Monument“, erklärte ich. „Es erinnert an das große Feuer von London, das 1666 hier in einer Bäckerei ausbrach und beinahe die ganze Stadt niederbrannte.“

Mit Unbehagen sah sie hinauf, zur quadratischen Aussichtsplattform unter einer goldenen Flamme an der Spitze. „Ich hoffe, du hast nicht vor, mich da hochzuschleppen.“

„Nein.“ Ich winkte beschwichtigend. „Du sollst nur Schmiere stehen.“

Ich zog ein Messer aus meiner Tasche und klappte es auf.

„Schmiere?“

„Du wirst sehen.“

Dann begann ich meine Arbeit am Sockel des Monuments, während Miray hinter mir stand und die Straße beobachtete. Als ich fertig war, begutachtete ich mein Kunstwerk: ein kleines Herz im Stein, darin die Buchstaben D und M.

Miray sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

„Für die Ewigkeit“, erklärte ich. „Häuser kommen und gehen, aber The Monument steht immer noch. Wenn ich aus dieser Traumwelt aufwache, werde ich als Erstes nachschauen, ob die Gravur noch da ist.“

„Generationen von Schulklassen werden sich fragen, wer dieser Vandale war.“ Miray grinste. „Lass uns gehen. Wir haben einen Job zu erledigen.“

Wir gingen zum Dock zurück und winkten eine Droschke herbei. Miray bat den Kutscher, uns auf dem sichersten Weg zur Royal Art Gallery zu bringen.

„Auf dem sichersten?“, wiederholte er. „Da brauche ich nicht lange überlegen, Miss. Der Weg über die Hauptstraße führt direkt dorthin. Die engen Nebenstraßen wären ein unnötiger Umweg.“

Dann fuhr er los. Wir nahmen den Weg zurück, den wir gekommen waren. Die Straßen wurden immer breiter und belebter, je näher wir dem Ziel kamen. Es wäre völlig unmöglich gewesen, während der Fahrt in eine eskortierte Kutsche einzudringen und sich an der Kiste zu schaffen zu machen.

Im Museum erwartete uns der Kurator bereits. Pritchard war ein junger Mann, kaum älter als zwanzig. Sein Mund lächelte freundlich, aber seine Augen verrieten etwas anderes. Der Kummer um das verlorene Gemälde traf ihn sichtbar.

„Konnten Sie etwas herausfinden?“, fragte er besorgt.

Miray schüttelte den Kopf. „Nichts“, sagte sie enttäuscht. „Am Lagerhaus wurde das Gemälde der Presse gezeigt, es kam also mit Sicherheit in London an. Und es ist ausgeschlossen, dass jemand während des Transports in die Kutsche eindrang.“

Ich sah nur noch eine verbleibende Möglichkeit. „Es muss hier im Museum gestohlen worden sein.“

Pritchard schüttelte den Kopf. „Mr Stirling, Mr Kuiper und ich holten die Kiste gemeinsam aus der Kutsche und brachten sie ins Museum. Sie war immer noch verschlossen, als wir sie im Ausstellungssaal abstellten. Mr Stirling und Mr Kuiper hielten eine Ansprache vor einer kleinen Handvoll geladener Gäste. Dann schlossen sie feierlich auf, doch es war nur noch das Tuch darin.“

„Konnte Bishop sich in der Kutsche verstecken?“, fragte Miray. „Er hätte während der Fahrt reichlich Gelegenheit gehabt, sich an der Kiste zu schaffen zu machen.“

„Nun, sehen Sie selbst.“

Pritchard führte uns zu der Kutsche, die im Innenhof des Museums abgestellt war, und schloss sie auf. Mit einer Geste lud er uns ein, hineinzusehen.

Die Kutsche war offensichtlich für den Transport von Objekten gedacht. Der Innenraum war leer. Lediglich an den Seitenwänden waren zwei schmale Bretter montiert, die sich vom vorderen bis zum hinteren Ende zogen und als behelfsmäßige Sitzbänke dienten. Niemand hätte sich darunter verstecken können.

Die Fensterscheiben waren intakt, die Fenster selbst verriegelt und ließen sich nur von innen öffnen. Es gab auch keine weiteren Türen, Klappen oder andere Öffnungen außer jener Tür, durch die wir gerade unsere Köpfe steckten.

„Hier kann das Gemälde nicht weggekommen sein“, meinte Miray. „Bleibt nur noch der Saal.“

„Ich führe Sie gerne hin“, sagte Pritchard.

Er brachte uns vom Innenhof über eine Wendeltreppe an den Ort, wo das Bild hängen sollte. Alles war schon dafür vorbereitet. Der Raum war geheizt und festlich geschmückt. Der schönste und hellste Teil der Wand war freigeräumt. Darunter stand die leere Kiste, das Vorhängeschloss hing noch daran. Es war geöffnet, sah aber unbeschädigt aus.

„Der arme Mr Stirling“, sagte Pritchard hinter uns. „Das Gemälde hatte ihn völlig eingenommen. Er ließ sogar einen Rahmen in denselben Maßen anfertigen und hier an der vorgesehenen Stelle aufhängen. Jeden Abend stand er davor und vergaß die Welt um sich herum, während er an den Vermeer dachte. Heute hätte es dort seinen Platz einnehmen sollen. Und nun ist es verschwunden.“

Seine Stimme brach ein wenig. Der Verlust schien ihn sehr mitzunehmen.

„Es ist schrecklich. Das Bild ist ein Unikat, unersetzbar. Dazu der Schaden für unseren Ruf. Es hat uns große Mühe gekostet, das Willemshuis zu überzeugen, uns den Alchemisten zu leihen. Sie müssen ihn wiederfinden!“

„Wir werden tun, was wir können“, versprach Miray. „Das Gemälde wird sich kaum in Luft aufgelöst haben.“

Den Weg von den Docks bis zur vorgesehenen Wand hatten wir damit untersucht, ohne einen Hinweis zu finden. Mehr konnten wir nicht tun, also verabschiedeten wir uns von Pritchard und verließen das Museum.

Draußen dämmerte es bereits. Hungrig irrten wir durch die Stadt und landeten schließlich in Piccadilly. Dort tobte das Leben, die Straße ein Meer aus Menschen aller Schichten, klappernden Droschken und flackernden Gaslaternen. In einer Seitenstraße entdeckten wir ein Chophouse, aus dem es köstlich duftete, und kehrten ein. Drinnen war der Duft nach Holzkohle und gebratenem Fleisch noch intensiver.

Es war der perfekte Ort, um Mirays Geburtstag zu feiern, mit Steaks, wie ich sie noch nie zuvor gegessen hatte. Sie waren gewaltig, saftig und brutzelten noch auf dem Teller. Doch Miray stocherte in ihrem Essen, ihre Gedanken waren nicht in diesem lauten, warmen Raum, sondern ganz woanders.

Als wir ins Büro zurückkehrten, war es Nacht. Miray setzte Tee auf und zog sich dann in den Ohrensessel zurück.

Ich bevorzugte die Chaiselongue, auf der ich mich ausstreckte und meinen vollen Bauch hielt.

„Wie kannst du dich jetzt hinlegen?“, beschwerte sie sich. „Wir haben nichts erreicht.“

„Wieso? Es könnte kaum besser laufen, findest du nicht? Wir hatten die besten Steaks unseres Lebens, während Scotland Yard die ganze Arbeit für uns erledigt. Wir brauchen jetzt nur noch zu warten, bis Leblanc den Dieb festgenommen und das Gemälde gefunden hat, und schon können wir aufwachen.“

„Meinst du nicht, das wäre zu einfach?“ Sie schubste mit dem Fuß gegen die Chaiselongue. „Was hat diese Traumreise für einen Sinn, wenn es für uns nichts weiter zu tun gibt, als unsere Zeit hier abzusitzen?“

Ich seufzte. „Vielleicht siehst du Probleme, wo keine sind, Miray. Es ist ein Traum. Wer sagt, dass er immer einen Sinn haben muss? Erinnerst du dich an das Luxusrestaurant in Dubai? Da gab es auch nichts weiter zu tun, als die Teller leerzuessen, die sie uns vorgesetzt hatten.“

„Ich glaube nicht, dass…“, setzte Miray an, als es an die Glastür klopfte.

Es war Leblanc.

Ich öffnete ihm und bat ihn hinein. Langsam schlurfte er zur Chaiselongue, setzte sich und wärmte sich die Hände am Ofen.

Ich brachte ihm eine Tasse Tee. Er nahm sie dankbar entgegen, gab zwei Stück Zucker dazu und rührte gedankenverloren um, während wir ihn gespannt ansahen.

„Bishop war eine Sackgasse“, brach er schließlich die Stille. „Ich bekam eben die Nachricht, dass er vor vier Tagen geschnappt wurde, als er gerade Schmuck aus einer Villa räumen wollte. Er atmet seitdem wieder die gute Gefängnisluft von Dartmoor.“

„Keine guten Nachrichten“, sagte Miray und warf mir diesen Blick zu, der mich wissen ließ, dass ich Unrecht hatte.

Leblanc nickte müde. „Außerdem ist der Abendpresse zu Ohren gekommen, dass wir ein Monogramm entdeckt haben und Bishop suchen. Jetzt steht Scotland Yard ganz schön blamiert da. Ich möchte wissen, wie die Schmierfinken das herausgefunden haben.“

Miray und ich lachten verlegen. Ich räusperte mich. „Vielleicht haben wir so etwas erwähnt, als wir an den Docks einen Reporter trafen.“

Leblanc starrte mich an. „Sie haben einem Reporter erzählt, dass wir ein Monogramm fanden?“

„Es war ein Handel“, versuchte ich, mich zu rechtfertigen. „Dafür bekamen wir die Information, dass Stirling das Gemälde am Dock der Presse zeigte. Es hat also auf jeden Fall schon mal London erreicht.“

„Dafür wäre ein Blick in die heutige Times ausreichend gewesen.“

Leblanc rieb sich die Stirn. Doch er schien nicht wirklich wütend zu sein, eher erschöpft. Er stellte seine Tasse ab und schlug die flachen Hände auf den Tisch.

„Alle Bahnhöfe und Ausfallstraßen Londons sind abgeriegelt. Meine Leute nehmen sich die ehemaligen Sträflinge vor, die sich gerade in London aufhalten. Wer auch immer das Gemälde gestohlen hat, wird uns früher oder später ins Netz gehen.“

Dann bedankte er sich für den Tee. Ich begleitete ihn zur Tür und verabschiedete ihn auf der Straße.

„So viel zum Thema ‚Scotland Yard erledigt die Arbeit für uns‘.“ Miray hatte sich tief in den Sessel zurückgezogen. „Es kann Wochen oder Monate dauern, bis Leblanc Erfolg hat. Vielleicht findet er den Dieb auch gar nicht. Ich möchte hier nicht herumsitzen und warten, bis das Schicksal Mitleid mit uns hat.“

Ich nickte. „Ich sehe ein, dass du recht hast. Wir müssen selbst etwas unternehmen. Bloß was?“

Ich ging ans Fenster und sah hinaus. Es schneite wieder, kleine Flocken tanzten im schwachen Schein der Gaslaternen. Selbst hier im Warmen hinter der Glasscheibe konnte ich die frostige Kälte dort draußen spüren.

Da kam mir ein Einfall. Ich drehte mich um und wollte gerade sprechen, doch Miray unterbrach mich sofort.

„Sag es nicht“, flehte sie, „bitte.“

„Woher willst du wissen, was…“

„Ich wette, du wolltest gerade vorschlagen, den Detektiv in der Baker Street die Drecksarbeit machen zu lassen.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Und was wäre daran so schlimm?“

Sie sah mich empört an. „Hast du keinen Stolz?“

„Es ist doch nicht verkehrt, jemanden um Hilfe zu bitten.“

Sie deutete zur Bücherwand. „Lass uns lieber das Zeitungsarchiv nach Hinweisen durchsuchen.“

Ich sah auf den Stapel Zeitungen. Das war kein Archiv, es war eine lückenlose Chronologie der letzten zehn Jahre. Mindestens.

„Das wird die ganze Nacht dauern“, stöhnte ich.

„Dann sollten wir anfangen.“

Wir teilten uns das Archiv nach geraden und ungeraden Monaten auf und suchten nach allem, was mit dem Fall zu tun hatte.

Nach einer Weile fand ich etwas.

„Hier ist ein Artikel darüber, dass Jack Bishop vor zwei Wochen aus Dartmoor ausbrach. Man weiß nicht, wie er das geschafft hat. Vielleicht hatte er Hilfe von einem der Wächter.“

Miray schüttelte den Kopf. „Du hast Leblanc gehört. Bishop ist raus, er hat ein Alibi.“

„Das stimmt.“

„Aber was hältst du davon?“ Miray deutete auf einen Artikel in ihrer Zeitung. „Der Royal Art Gallery wurde vor vier Jahren schon einmal ein Gemälde gestohlen. Der damalige Direktor musste daraufhin seinen Hut nehmen, und Stirling – zu der Zeit Kurator des Museums – rückte auf seinen Posten nach.“

„Vielleicht derselbe Dieb?“

„Möglich. Schwierig war es wohl nicht, die Sicherheit soll ein einziger Witz gewesen sein. Stirling hat sich als neuer Direktor sofort darum gekümmert, dass sich so etwas nicht wiederholt.“

Ich gähnte herzhaft.

„Dir fallen schon die Augen zu“, bemerkte Miray. „Schlaf doch etwas.“

Ich nickte dankbar. „Und du?“

„Ich bleibe in meinem Sessel und suche weiter.“

Ich kuschelte mich in meinen Mantel und machte es mir auf der Chaiselongue bequem. Dann beobachtete ich Miray, wie sie sich die nächste Zeitung vornahm.

Das Knacken des Feuers und das leise Rascheln des Papiers gaben mir den Rest. Nach wenigen Minuten war ich eingeschlafen.

In meinem Traum stehe ich in einem dunklen, schmalen Treppenhaus vor einer Tür. Ich öffne sie und betrete ein viktorianisches Zimmer, das von einem prasselnden Kaminfeuer beleuchtet und beheizt wird. In der Nähe des Kamins steht eine einladend große Couch, ihr gegenüber ein Ohrensessel.

Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich eine Hotelbar, modern und geometrisch. Sie wirkt völlig deplatziert. Dahinter steht Miray in dem makellos weißen Anzug einer Barkeeperin.

„Guten Abend, Doktor Hilton“, begrüßt sie mich.

„Doktor Hilton?“, frage ich irritiert und trete näher.

Sie reicht mir meine Visitenkarte. „Ja, Doktor Dian Hilton, Botaniker.“

Ein Botaniker? Ich muss an meine Mutter denken, die immer sagt, dass unter meiner Pflege sogar Plastikblumen eingehen.

„Und du bist?“, frage ich.

„Miss Swift selbstverständlich, die beste Detektivin Londons.“

Ich räuspere mich. „Vermutlich auch die einzige Detektivin Londons.“

Sie legt den Kopf schief und sieht mich beleidigt an. Dann reicht sie mir ein gefülltes Whiskyglas.

„Ich habe dir einen Snowball gemacht.“

Ich nehme das Glas und rieche daran.

„Das ist bloß Sherry“, stelle ich fest.

Sie nickt. „Den meinte ich auch nicht.“

Und dann schleudert sie mir einen Schneeball ins Gesicht. Der Schnee ist nass, kalt. Ich versuche, ihn abzuwischen, aber er klebt an meiner Haut wie Kaugummi.

Etwas schüttelte mich.

„Steh auf, Dian“, hörte ich Mirays sanfte Stimme.

Mein Gesicht fühlte sich immer noch nass und kalt an. Ich blinzelte und sah sie neben mir auf der Kante der Chaiselongue sitzen. Die Ringe unter ihren Augen verrieten, dass ich wohl als Einziger in dieser Nacht Schlaf gefunden hatte.

Dann bemerkte ich, dass sie Schnee in der Hand hielt.

„Echt jetzt? Hast du mich gerade eingeseift?“, fragte ich empört.

Sie überhörte es einfach und klopfte sich das Zeug von den Händen.

„Wusstest du, dass die Post hier bis zu zwölfmal am Tag ausgetragen wird? Du kannst morgens einen Brief senden und hast am Nachmittag schon die Antwort.“

Ich rieb mir den Sand aus den Augen. „Du meinst so etwas wie die viktorianische SMS?“

„Ja. Ich habe Stirling einen Brief geschrieben, dass wir das Gemälde bis heute Abend seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgebracht haben werden.“

„War das nicht etwas zu optimistisch? Als ich einschlief, hatten wir noch nicht einmal eine Spur.“

„Wir müssen los.“ Sie hielt mir meine Schuhe hin. „Wir haben um acht Uhr eine Verabredung mit Leblanc an den Docks.“

„Und was machen wir dort?“

Mit einem breiten Grinsen deutete sie auf ein Schmuckkistchen, das auf ihrem Schreibtisch stand.

„Ich werde zaubern.“

Leblanc wartete bereits am Lagerhaus, als wir ankamen. Er fröstelte sichtlich und sah Miray missmutig an, als sie auf ihn zuging.

„Miss Miray“, sagte er mit kratziger Stimme, „ich habe die halbe Nacht über diesem Fall gesessen und keinen Schlaf gefunden. Für dieses Treffen musste ich das Frühstück mit meiner Frau ausfallen lassen. Ich hoffe, es lohnt sich.“

„Das wird es, Mr Leblanc.“ Sie nickte langsam. „Ich bin sicher, das wird es.“

Sie stellte die Schmuckschatulle auf die Kisten neben dem Lagerhaus, schloss sie auf, klappte den Deckel hoch und holte ein graues Leinentuch heraus.

„Darf ich um Ihre Taschenuhr bitten, Mr Leblanc?“, fragte sie und hielt die Hand hin.

Der Inspektor sah Miray misstrauisch an. Dann zog er seine Uhr aus der Tasche und gab sie ihr zögerlich.

„Das ist ein Erbstück von meinem Großvater. Was immer Sie damit vorhaben, ich will sie am Ende zurück. Und zwar heil.“

„Ihrer Uhr wird nichts passieren“, versprach Miray und begann, sie sorgfältig in das Tuch zu wickeln. „Das heißt, wenn ich keinen Fehler mache.“

Dann zeigte sie uns das Ergebnis. Deutlich zeichnete sich die Form der Uhr unter dem Leinen ab.

Behutsam legte sie das Tuch in das Kistchen. Dann schloss sie den Deckel und drehte den Schlüssel um.

Sie übergab dem verblüfften Leblanc die Schatulle. „Passen Sie gut darauf auf, wenn Sie Ihre Uhr wiederhaben möchten.“

Mir gab sie den Schlüssel. „Der ist für dich, Dian. Und lass ihn keine Sekunde aus den Augen.“

Leblanc knurrte kurz. Er zog am Deckel, doch der war fest verschlossen.

„Und nun?“, fragte ich.

„Nun?“ Miray deutete auf einen Pub, der gleich gegenüberlag. „Wir hatten alle noch kein Frühstück, richtig?“

Die Tür des Pubs knarrte leise, als wir sie öffneten. Der Raum dahinter war schlicht, aber sauber. Die Wände waren bis zur Hüfthöhe holzvertäfelt, darüber weiß getüncht. Ein wenig spärliches Tageslicht fiel durch die Fenster und erweckte beinahe den Eindruck, das Lokal sei noch geschlossen. Der Geruch von Rührei und gebratenem Speck verriet das Gegenteil.

Leblanc hauchte in die Hände und rieb sie. Er entdeckte einen Tisch in der Nähe eines Ofens und steuerte direkt darauf zu. Wir folgten ihm und setzten uns. Das Kistchen stellte er auf den Tisch, wo er es gut im Blick hatte.

Der Wirt kam, ein hagerer Mann mit Schnurrbart, und sah uns fragend an.

„Eier mit Speck. Und einen Brandy“, sagte Leblanc mürrisch. „Gegen die Kälte“, schob er fast entschuldigend hinterher.

Der Wirt räusperte sich. „Dies hier ist eine Temperance Bar, Sir. Wir schenken keinen Alkohol aus.“

Leblanc lachte kurz. „Eine Temperance Bar an den Docks? Halten Sie dies wahrlich für einen klugen Einfall?“

Dann bestellte er Tee. Wir folgten mit einem kräftigen Frühstück und Kaffee.

„Gibt es Neuigkeiten?“, fragte ich Leblanc, während wir auf das Essen warteten.

Er verzog den Mund. „Nicht viel. Unsere alten Kunden sind bisher sauber, haben ein Alibi oder mit anderen Problemen zu kämpfen. Einige Londoner gaben uns Hinweise, denen wir nachgingen, indes bedauerlicherweise vergebens. Ein Herr brachte uns ein Gemälde – eine äußerst durchsichtige Fälschung – und verlangte eine Belohnung.“

Nervös rückte er auf dem Stuhl, dann sah er Miray an. „Weshalb haben Sie mich nun hierher gebeten?“, fragte er unwirsch. „Ich möchte doch hoffen, es geschah nicht bloß für diesen Hokuspokus.“

„Ich werde es Ihnen gleich erklären“, antwortete sie. „Frühstücken wir erst einmal.“

Wie aufs Stichwort kam der Wirt aus der Küche und stellte uns drei üppig beladene Teller hin.

Als wir gegessen hatten und Miray anfing, über das Wetter zu reden, wurde Leblanc ungeduldig. Gedankenlos griff er nach seiner Uhr, fand sie aber nicht. Erschrocken klopfte er die Taschen seines Mantels ab. Dann fiel sein Blick auf das Kistchen.

„Wann beabsichtigen Sie, mir meine Taschenuhr zurückzugeben?“, brummte er.

Miray nickte. „Ich denke, ich habe Sie lange genug warten lassen. Dian, hast du den Schlüssel?“

Ich griff in die Manteltasche, zog den Schlüssel hervor und gab ihn Leblanc.

Er zog die Schatulle zu sich, schloss auf und öffnete den Deckel. Dann griff er hinein, holte das Tuch hervor und legte es vor sich auf den Tisch. Langsam faltete er es auseinander, als fürchtete er, das empfindliche Stück darin zu beschädigen.

Seine Hand erstarrte. Die Farbe wich aus seinem Gesicht.

Das Tuch war leer.

„Das kann nicht sein“, rief er erschrocken. Er sah in das Kistchen, hob es hoch, drehte es um. Doch es befand sich nichts mehr darin.

Entsetzt starrte er Miray an. „Wie ist das möglich? Die Schatulle war verschlossen, dessen versicherte ich mich selbst. Ich hatte sie fortwährend bei mir, in meinen Händen oder vor meinen eigenen Augen.“

„Und das Tuch?“, fragte sie.

Er hielt es hoch. In einer Ecke war ein Monogramm, ein gesticktes JB.

„Bishop!“, rief Leblanc verblüfft. „Das ist völlig ausgeschlossen.“

„Das stimmt. Sagen Sie mir, was Sie beobachtet haben.“

„Nun… Sie nahmen meine Uhr, wickelten sie in das Tuch. Dann zeigten Sie sie mir noch einmal, bevor Sie sie in die Schatulle legten und diese verschlossen.“

„Fast richtig.“

Mit einem breiten Grinsen griff sie in ihre Manteltasche, zog ein Tuch hervor und wickelte es aus. Darin war Leblancs Taschenuhr. Er nahm sie hoch, betrachtete sie von allen Seiten, als könne er nicht glauben, dass es wirklich seine war.

„Aber meine Uhr befand sich in dem Tuch, das habe ich selbst gesehen. Es sei denn…“

Leblanc strahlte plötzlich, als hätte er eine Erleuchtung.

„Ich verstehe… Sie haben die Uhr mit einer anderen vertauscht, bevor Sie sie in die Schatulle legten. Ein netter Zaubertrick, Miss Maskelyne, doch weshalb fand ich nicht die andere Uhr vor?“

„Es gibt keine andere Uhr. In der Nacht habe ich alles präpariert. Ich legte ein Tuch in die Schatulle. Auf ein zweites Tuch stickte ich das Monogramm. Dann befeuchtete ich es, wickelte es um meine Taschenuhr und legte es draußen in den Schnee. Nach einer Weile war es steifgefroren und hatte die Form der Uhr angenommen. Ich brauchte mehrere Versuche, bis ich es schaffte, meine Uhr herauszuholen und die letzten Falten so zu schließen, dass es überzeugend aussah. Den Rest des Morgens hatte ich das präparierte Tuch bei mir, stets darauf achtend, dass es nicht auftaut.“

Sie bewegte die Hände wie eine Magierin.

„Ich zeigte Ihnen Ihre Uhr, hüllte sie in das Tuch aus der Schatulle, aber dann tauschte ich es heimlich gegen das gefrorene Duplikat aus. Sie glaubten, Ihre Uhr zu sehen, aber was ich schließlich in die Truhe legte, war das zweite Tuch mit dem Monogramm. Eine leere Hülle in der Form einer Uhr, mehr nicht.“

Jetzt begriff ich, wie der Trick funktionierte. „Hier am Ofen taute das Tuch auf, fiel zusammen und trocknete. Und schon schien es, als wäre die Uhr verschwunden.“

Leblanc stand der Mund offen.

„Aber das bedeutet…“, begann er.

Miray nickte. „Stirling. Richtig. Er ließ einen ähnlichen Rahmen anfertigen, wie der Kurator uns erzählte. Aber nicht, um einen geeigneten Ort für das Gemälde zu suchen. Er brauchte ihn, um ein gefrorenes Tuch mit einer ähnlichen Kontur anzufertigen. Dann führte er hier am Lagerhaus vor der versammelten Presse denselben Trick vor und tauschte das Bild aus. Fanden Sie es nicht merkwürdig, dass er ein so wertvolles Gemälde ausgerechnet an einem kalten Wintertag im Freien präsentierte?“

Seine Faust schlug auf den Tisch. „Mr Stirling behauptete, im Lagerhaus sei es zu dunkel für die Presse. Es erschien mir sogleich überaus sonderbar.“

„Ihr Instinkt täuschte Sie nicht. Im warmen Lagerhaus wäre das präparierte Tuch zu früh aufgetaut und hätte seinen Trick verraten. Es taute erst im Museum auf, während Stirling eine Ansprache hielt.“

„Aber wo ist das Gemälde? Wir haben alles gründlich durchsucht, die Kutsche, sogar die Kleidung. Mr Stirling bestand darauf. Aber wir fanden es nicht.“

Miray deutete mit dem Daumen über die Schulter zum Lagerhaus. „Es gibt nur eine Möglichkeit: Er hat es hier versteckt.“

Leblanc sprang auf. „Wir müssen das Gebäude durchsuchen, sofort!“

„Oder“, sagte Miray ruhig, „wir warten, bis Stirling es uns selbst bringt.“

Ich stutzte. Dann dämmerte es mir. „Dein Brief an ihn!“

Sie grinste. „Richtig. Meine Nachricht, dass wir das Gemälde bis heute Abend gefunden haben, dürfte ihn ganz schön in Aufregung versetzen. Alles, was wir jetzt tun müssen, ist abwarten und Tee trinken.“

Also warteten wir. Die Stunden vergingen. Schließlich wurde es Nachmittag.

Immer noch beobachteten wir vom Pub aus das Lagerhaus. Es herrschte buntes Treiben an den Docks, aber von Stirling keine Spur.

Wir wollten gerade aufgeben, als ein älterer Herr den Kai entlanghumpelte. Vor dem Lagerhaus sah er sich um. Er sah aus wie ein typischer Dockarbeiter, trug zerschlissene Kleidung und eine Schiebermütze. Sein Gesicht war dreckig und voller Ruß, sein Vollbart schmutzig. Als er sicher war, dass niemand ihm folgte, ging er hinein.

Leblanc sah beinahe enttäuscht aus. „Geschwärztes Gesicht, Mütze tiefgezogen, ein falscher Bart… Wahrhaftig eine erbärmliche Verkleidung. Nun gut, schnappen wir uns Mr Stirling.“

Wir verließen den Pub und stellten uns neben das Tor des Lagerhauses. Dort warteten wir, doch nichts rührte sich.

Dann öffnete sich eine Seitentür am anderen Ende. Stirling schlüpfte hinaus. Er trug immer noch seine Verkleidung, aber unter dem Arm klemmte nun eine Tasche.

„Halt!“, brüllte Leblanc. „Stehenbleiben! Scotland Yard!“

Stirling zuckte zusammen. Dann presste er die Tasche fest an sich und sprintete los.

„Vergiss es“, sagte Miray. „Nicht so kurz vor dem Ziel.“

Wie ein Windhund schoss sie hinterher.

Leblanc riss die Arme hoch. „Bleiben Sie stehen, das ist viel zu gefährlich!“

Ich nickte langsam. „Ja“, murmelte ich. „Stirling muss verrückt sein.“

Stirling?“ Leblanc starrte mich fassungslos an. „Wieso Stirling? Ich meinte Miss Miray!“

Ich konnte mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Stirling rannte so schnell er konnte, doch Miray war schneller. Sie packte ihn an der Schulter, griff nach seinem Arm und drehte ihn auf den Rücken. Er schrie auf und blieb wie angewurzelt stehen.

Dann ließ er sich von Miray zu uns führen.

„Hier haben wir den Täter“, sagte Miray stolz. „Und in der Tasche ist ganz sicher der Vermeer.“

Leblanc öffnete sie und zog ein Gemälde hervor. Es war tatsächlich der Alchemist.

„Dies beendet Ihre Karriere als Direktor, Mr Stirling“, sagte Leblanc. „Ihre lächerliche Verkleidung konnte uns nicht täuschen.“

Miray räusperte sich. „Es ist nicht Mr Stirling.“

Sie zog dem Mann die Schiebermütze herunter. Und sie hatte recht. Der Mann hatte sich das Gesicht schwarz gefärbt. Der schmutzige Vollbart jedoch, der war echt.

Wir erkannten ihn sofort.

„Mr Kuiper“, rief Leblanc verblüfft. „Das macht keinen Sinn!“

„Im Gegenteil, es ergibt endlich einen Sinn“, widersprach Miray. „Mr Stirling hätte durch den Diebstahl keinen Penny von der Versicherung erhalten, sondern das Willemshuis, und damit Mr Kuiper.“

Sie wandte sich ihrem Gefangenen zu.

„Sie taten sich zusammen, nicht wahr? Stirling inszenierte alles perfekt. Der Pressetermin, um zu belegen, dass das Gemälde in London ankam. Der eskortierte Transport, der jeden Verdacht von Ihnen ablenken sollte. Die Ansprache im Museum, während der das Tuch auftaute. Er tauschte das Gemälde hier am Lagerhaus aus. Und als die Presse darauf achtete, wie er die Kiste zur Kutsche trug, nutzten Sie die Gelegenheit und versteckten das Gemälde.“

„Lelijk kreng!“, zischte Kuiper und spuckte Miray vor die Füße.

Miray drehte seinen Arm einen Zentimeter weiter. Kuiper keuchte auf, seine Knie knickten ein.

Dann fuhr sie fort. „Stirling erfuhr aus der Presse, dass Jack Bishop ausgebrochen war. Das kam ihm sehr gelegen. Er stickte das Monogramm in das Tuch, um eine falsche Spur zu legen und Zeit zu gewinnen. Fast hätte er Erfolg gehabt, wäre Bishop nicht wieder geschnappt worden.“

„Aber was war Stirlings Motiv?“, fragte Leblanc. „Er hatte nichts zu gewinnen.“

„Er wollte das Gemälde. Als er noch Kurator an der Royal Art Gallery war, verschwand bereits ein Bild. Damals schob man es auf unzureichende Sicherheitsmaßnahmen und entließ den früheren Direktor. Ich bin überzeugt: Wenn Sie seine Räume durchsuchen, finden Sie eine nette kleine Privatsammlung, die beinahe um einen Vermeer reicher geworden wäre.“

Leblanc hatte inzwischen Handschellen aus seinem Mantel geholt und sie Kuiper angelegt. Er zog ihn vorwärts, Richtung Scotland Yard.

Nach ein paar Schritten blieb er plötzlich stehen und drehte sich noch einmal zu uns um.

„Miss Miray, Mr Dian“, sagte er, „sollten Sie jemals Ihre Detektei aufgeben, wenden Sie sich bitte an mich. Scotland Yard ist stets auf der Suche nach solch fähigen Ermittlern wie Ihnen.“

Dann gab er Kuiper einen kräftigen Schubs, und sie verschwanden um die nächste Ecke.

Auf unseren Handgelenken war längst der grüne Kreis erschienen, und trotzdem zog es uns noch eine Weile in unser Büro zurück. Miray ließ sich in ihren Ohrensessel fallen, ich streckte mich auf der Chaiselongue aus. So wie immer.

„Dein richtiges Ich ist also auch in London?“, fragte Miray.

Ich nickte. „Es holt sich vermutlich gerade auf einer Parkbank einen Sonnenbrand.“

Eine Weile sah sie mich stumm an.

„Ich glaube immer noch, dass das hier alles Einbildung ist“, sagte sie schließlich. „Aber nächstes Mal musst du mir trotzdem verraten, ob deine Kritzelei immer noch am Monument war.“

Das Glöckchen an der Tür klingelte und ließ uns beide zusammenzucken.

Wellington trat ein. Er wirkte erleichtert.

„Ich komme gerade von Scotland Yard“, sagte er. „Dank Ihrer Bemühungen konnte das Gemälde sichergestellt werden, und das unversehrt. Die Lancaster & Wellington Insurance Company steht tief in Ihrer Schuld.“

Miray schmunzelte. „Wie tief, werden Sie auf der Rechnung sehen.“

Er stockte einen Moment, nickte dann. „Mr Leblanc hat die Räumlichkeiten des Museums durchsuchen lassen. Sie entdeckten im Keller einen Schrank, der eine Tür verdeckte. Dahinter befand sich eine Kammer, voll von Gemälden und Skulpturen, allesamt entwendet.“

„Das dürfte Mr Stirling kaum gefallen haben“, bemerkte Miray.

Wellington lächelte. Es war das erste Mal, dass ich ihn lächeln sah. „Ich kann Ihnen versichern, Miss Miray, er war aufgebracht, als Mr Leblanc ihm die Handschellen anlegte und ihn abführte.“

Ein anerkennendes Nicken.

„Meine Sekretärin hat sich in Ihnen nicht getäuscht. Ich versichere Ihnen: Sollten wir wieder die Dienste eines Detektivs benötigen, wird mein Weg direkt zu Ihnen führen.“

Er setzte sich seinen Zylinder auf, klopfte mit seinem Stock einmal auf den Boden, dann verabschiedete er sich und ging.

„Ein glücklicher Klient mehr“, kommentierte ich, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.

Miray nickte. „Es ist fast schon schade, dass wir diesen Ort verlassen müssen. Ich habe mich gerade an meine eigene Detektei gewöhnt. Aber zögern wir es nicht weiter hinaus, Dian. Du brennst sicher schon darauf, nach dem Schicksal deiner Gravur zu forschen.“

Sie breitete die Arme aus und drückte mich fest an sich. Unsere Blicke trafen sich.

„Bis zum nächsten Abenteuer, Dian.“

„Ja, bis zum nächsten Abenteuer.“

Dann berührten wir unsere Tattoos.

Zwei Hunde knurrten laut und weckten mich aus dem Schlaf. Ich sah mich um. Der St James’s Park, die Parkbank. Vor mir ein Pitbull und eine Dogge, die sich anbellten, dahinter die Herrchen, die verzweifelt an den Leinen zerrten.

Ich war wieder zurück.

Für einen Augenblick musste ich mich orientieren. Ich nahm mein Smartphone. Vom Park zum Monument war es zu Fuß zu weit, aber die berühmte Tube würde mich in wenigen Minuten dorthin bringen.

Kurz darauf stand ich vor dem Denkmal. Die Gegend hatte sich stark gewandelt. In der Traumwelt war hier ein großer Platz und breite Straßen. Nun war alles eng, zugebaut, und Bürogebäude ragten aus der Erde.

Das Monument selbst hatte sich dagegen kaum verändert. Die Witterung hatte ein wenig an den Steinen genagt, und doch sah es nach über einem Jahrhundert immer noch so imposant aus wie damals, als ich mit Miray hier war.

Ich wusste genau, in welchen Stein ich meine Nachricht ritzte. Die Stelle war unten, etwas versteckt und leicht zu übersehen, wenn man nicht wusste, wo man suchen musste.

Ich war mir sicher. Absolut sicher.

Und doch war der Stein unversehrt. Meine Gravur war nicht dort. Sie war nie dort gewesen.

„Also doch nur ein Traum“, stöhnte ich leise und rieb mir den Hinterkopf.

Dann musste ich grinsen. Entweder das, oder mein kleines Kunstwerk existiert stattdessen in Mirays Gegenwart.

Episode 7 „Der Alchemist“ v1.0 vom 24. Juli 2026