Episoden
Ein See bei Nacht. Es ist sternklar, eine Aurora beleuchtet die Szene. Im Vordergrund führt ein Steg zum Wasser. Daran angebunden ist ein rotes Ruderboot.
8

Die Hütte am See

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Episode:
8
Version:
V1.0
Erstveröffentlichung:
Länge:
8.700 Wörter
Lesedauer:
41 Minuten
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Die Hütte am See

An einem verregneten Sonntag fiel mir meine alte Spielkonsole wieder ein. Als ich aus dem Elternhaus auszog, kaufte ich mir das neueste Modell. Das alte Gerät verschwand im Keller, zusammen mit einem Schuhkarton voller Spiele.

Das Gefühl von Nostalgie überkam mich, und so stieg ich hinab in die Katakomben des Hauses, um mich auf die Suche nach einem alten Umzugskarton zu begeben.

Mein Kellerabteil lag am Ende eines langen Ganges. Ich war gerade auf halbem Weg dorthin, als das Licht ausging.

Kein Problem, dachte ich. Der nächste Lichtschalter konnte nicht weit sein. Ein kleines Signallämpchen würde mir seine Position verraten.

Doch da war kein Lämpchen, kein Licht. Stattdessen hörte ich ein Summen. Gleichmäßig, tinnitusartig, wie von einer Maschine. Warum fiel mir das erst jetzt auf?

Ich tastete nach der Wand, die unmittelbar neben mir sein musste. Meine Hand griff ins Leere.

Ich atmete schnell. Die Luft roch nicht mehr nach Kellermuff. Sie roch abgestanden, feucht, wie an einem Ort, der zu lange im Wasser stand.

Eine Taschenlampe würde mir jetzt helfen. Meine Hand rutschte zur Hose, klopfte die Taschen ab. Sie waren leer. Hatte ich mein Handy nicht mitgenommen?

Jetzt ahnte ich es. Das musste ein Traum sein.

Aber wann war ich eingeschlafen?

Mein Puls dröhnte in den Ohren.

Ich musste mich orientieren, streckte die Hand wieder aus, ließ den Fuß vorsichtig über den Boden gleiten. Er stieß gegen einen Gegenstand, der laut schepperte. Ich erstarrte, wartete einen Augenblick, bevor ich weiterging.

Dann stieß meine Hand gegen etwas. Nicht gegen den nackten Beton der Kellerwand. Nicht gegen das dünne Metall der Wände, die die Abteile trennten. Die Oberfläche war klamm und gewölbt. Meine Finger wanderten weiter, fanden eine Rinne, dann eine Wölbung. Rinne, Wölbung. Was ich da ertastete, wollte nicht zu einem Keller passen.

Ich drehte meinen Kopf zur Seite. Irgendwo weit oben bemerkte ich einen kleinen, nachtblauen Fleck. Seltsam gezackte Ränder, das Licht so schwach, dass ich nicht sagen konnte, ob es ein Fenster war oder ein Riss in der Decke.

Ein leises Klacken. Das Summen erstarb, ging in ein kaltes Gurgeln über, als hätte etwas die Maschine mit bloßen Händen ergriffen und ihr die Kehle zugedrückt.

Im Augenwinkel sah ich einen Schatten. Eine Bewegung. Ganz flüchtig.

Mein Hals verkrampfte sich, mein Atem stockte. Und doch hörte ich ihn, einen Atem, der nicht meiner war.

Ich war nicht allein.

Miray?

Entfernt polterte etwas zu Boden, rollte, stieß irgendwo an. Dann ein kehliges Winseln, ein kurzes Schnauben. Nein, das klang überhaupt nicht nach ihr.

Panik ergriff mich. Ich musste weg. Sofort. Mich in Sicherheit bringen.

Ich tastete mich voran. Meine Finger berührten Stoff. Warm. Weich. Rund.

Stille. Der fremde Atem setzte aus.

Etwas umklammerte mein Handgelenk, fest, schmerzhaft. Ich wollte meine Hand zurückreißen, doch der Griff hielt.

„Dian“, flüsterte eine Stimme.

„Miray“, antwortete ich. „Also doch!“

Miray kicherte. „Ich war mir sicher, dass du es bist.“

„Wie das?“

„Dein Geruch“, gestand sie, ihre Verlegenheit war deutlich zu hören. „Sonst wäre die Hand, die mich da gerade begrapscht, schon längst Hackfleisch.“

Erschrocken wollte ich meine Hand wegziehen, aber Miray ließ mich nicht mehr los.

Dann zog sie mich zu sich, und wir drückten uns aneinander. Ich weiß nicht mehr, wie lange, aber ich genoss es, sie an mir zu spüren.

„Ich hoffe, sonst ist niemand hier“, bemerkte ich.

„Bei dem Krach, den wir veranstalten?“ Ich spürte, wie sie den Kopf schüttelte. „Wir hätten es längst herausgefunden.“

„Wo verdammt sind wir überhaupt?“

„Keine Ahnung. Da stehen Regale mit lauter Zeug drin. Irgendwas ist mir eben auf den Fuß gefallen.“

Sie schnalzte laut. Einmal. Zweimal. Das Echo kam gedämpft, aber sofort.

„Groß scheint der Raum nicht zu sein“, stellte sie fest.

„Erst mal brauchen wir Licht.“

„Mhmm. Wir suchen am besten eine Wand und tasten uns an ihr entlang. Irgendwo wird hoffentlich ein Lichtschalter sein.“

Ihre Hand fand meine.

„Egal, was passiert, Dian, lass mich nicht mehr los. Ich werde wahnsinnig bei dem Gedanken, ich könnte plötzlich ins Leere treten.“

Meine Knie wurden weich. An so eine Möglichkeit hatte ich gar nicht gedacht.

Gemeinsam tasteten wir uns langsam voran. Unsere Füße glitten über den Boden.

„Hier ist etwas“, flüsterte Miray. „Die Wand fühlt sich anders an. Eine große Fläche. Vielleicht eine Tür?“

Sie zog mich weiter nach rechts.

Dann ein Quieken. Es kam von ihr.

„Ich habe einen Schalter gefunden.“

Ein kurzes Summen, ein Flackern, eine Neonleuchte sprang an und blendete mich. Für einen Moment kniff ich die Augen zusammen, bis sie sich an das helle Licht gewöhnten. Ich sah mich um.

Uns umgaben Wände, die aus großen dunkelbraunen Blockstämmen gestapelt waren. Die Decke war ebenfalls aus Holz, an ihr eine schlichte Leuchtstoffröhre montiert. Der Boden war weiß gefliest. Der Raum war tatsächlich nicht sehr groß, vielleicht etwas mehr als zehn Quadratmeter.

Wir standen an einer massiven Holztür. Neben uns befanden sich eine Waschmaschine und ein Ausgussbecken. Ein großer Kühlschrank in der Ecke erklärte das Gluckern und Brummen, das ich vorhin gehört hatte.

Gegenüber standen drei solide Metallregale mit Konserven, Flaschen und mehreren Packungen Toilettenpapier. Eine verbeulte Dose Würstchen lag auf dem Boden.

„Zwei Striche auf dem Handgelenk“, hörte ich Miray neben mir sagen. „Keine Überraschungsgäste.“

Sie trug eine dunkle Cargohose und ein eng anliegendes weißes T-Shirt mit einer Bedruckung an der rechten Hüfte. Die Bedruckung sah merkwürdig aus. Sie war rötlich braun, verschmiert, als hätte man sich die Finger abgewischt. Finger voller…

Voller Blut!

„Bist du verletzt?“, rief ich erschrocken.

Miray sah mich irritiert an, dann sah sie an sich herab und entdeckte ebenfalls die Blutflecken auf ihrem Shirt. Sie zog den Stoff straff und strich kurz darüber.

„Nein, alles gut“, sagte sie. „Das ist nicht mein Blut, glaube ich.“

In dem Moment ging das Licht aus.

„Was ist das jetzt wieder?“, stöhnte Miray.

„Vermutlich ein Timer“, antwortete ich. „Wie in Kellern oder Treppenhäusern.“

„Verstehe“, sagte sie knapp und ließ die Neonleuchte erneut anspringen.

Auf der Waschmaschine, gleich in der Nähe des Lichtschalters, lag ein abgebrochener Eisstiel. Ich musste schmunzeln, denn wahrscheinlich lag er nicht zufällig dort. Ich nahm ihn und klemmte den Taster damit fest.

Miray sah mich verblüfft an.

Ich zuckte mit den Schultern. „Das machte mein Vater immer, damit in der Garage das Licht nicht ausging, während er bis spät in die Nacht an seinem Motorrad schraubte.“

„Ein guter Trick“, sagte Miray. „Jetzt lass uns schauen, was nebenan ist.“

Ihr Blick fiel auf die Tür.

„Wo ist der Griff?“

Tatsächlich war dort, wo sich die Klinke befinden sollte, lediglich eine Rosette aus Edelstahl angebracht. Die Klinke selbst lag vor unseren Füßen auf dem Boden.

Miray hob sie auf, konnte sie aber nirgendwo einstecken.

„Damit kriegen wir die Tür nicht auf“, knurrte sie und legte den nutzlosen Griff auf der Waschmaschine ab. „Das Gegenstück muss auf der anderen Seite liegen.“

„Ironie des Schicksals.“ Ich stieß ein kurzes Lachen aus. „Die Tür hat keinen Schlüssel zum Abschließen, und trotzdem sind wir hier gefangen.“

Sie fand das nicht so witzig.

„Hast du etwas bei dir, womit wir sie öffnen können? Ein Taschenmesser vielleicht?“

„Nichts.“ Demonstrativ krempelte ich das leere Taschenfutter nach außen. „Ich habe meine Taschen eben schon durchsucht.“

Miray seufzte. „Dito.“

Ich sah mich um. Ein Werkzeugkasten könnte uns helfen, oder ein Brecheisen. Aber in den Regalen war kein Werkzeug zu finden.

„Wir könnten um Hilfe rufen“, schlug ich vor.

Sie schüttelte den Kopf. „Besser nicht, solange wir nicht wissen, wie wir überhaupt hierhergekommen sind.“

Da hatte sie recht. Ich wollte aber auch nicht abwarten, bis uns hier jemand findet. Irgendwann. Vielleicht.

Ich erinnerte mich an den Lichtfleck, den ich im Dunkeln gesehen hatte. Dort befand sich ein Klappfenster in etwa zwei Metern Höhe. Eine Silberfolie hatte sich in einer Ecke vom Glas gelöst und dort das spärliche Licht in den Raum fallen lassen.

Miray ging langsam auf das Fenster zu, schob einen Riegel zurück und stieß es nach außen auf. Ein kleines Gelenk rastete ein und hielt es offen.

Mit einem kurzen Satz sprang sie an den Fensterrahmen und zog sich daran hoch, bis sie hinausschauen konnte.

„Was siehst du?“, fragte ich.

„Es ist dunkel draußen. Im Mondlicht kann ich kaum etwas erkennen. In der Ferne sind Berge, ein Wald. Die Hütte steht an einer riesigen Lichtung. Aber diese Lichtung…“

Sie zog sich noch ein wenig höher, streckte ihren Kopf nun ganz aus dem Fenster heraus.

„Sie schimmert so seltsam, bewegt sich im Wind wie ein Weizenfeld. Oder… Nein! Verdammt!“

Sie ließ sich fallen, landete auf den Füßen. Blass sah sie mich an und deutete hinaus.

„Das ist keine Lichtung, das ist ein See. Die Hütte steht gleich über dem Wasser.“

Wir sahen uns an, und ich wusste, dass Miray denselben Gedanken hatte wie ich. Das Fenster war unser Weg in die Freiheit. Doch sie würde dort nicht hinaussteigen und erst recht nicht ins Wasser springen.

„Ich gehe da raus“, schlug ich vor, „und versuche, die Tür von der anderen Seite zu öffnen.“

Miray schüttelte den Kopf.

„Das ist zu gefährlich. Wenn du erst mal draußen bist, gibt es kein Zurück für dich. Und ich sitze hier fest, wenn du es nicht schaffst.“

„Wir haben keine andere Wahl, meinst du nicht?“

Sie seufzte, sah verlegen in die Ecke. Dann nickte sie.

„Alles klar“, sagte ich. „Dann hilf mir hoch.“

Während ich meine Sachen auszog, ging Miray ans Fenster und wartete.

„So, es kann losgehen“, sagte ich schließlich und klopfte die Hände ab. Ich war bereit für den Sprung ins Wasser.

„Was ist?“, fragte Miray. „Willst du den Rest der Nacht in einer nassen Unterhose herumlaufen?“

Ich sah auf das einzige Wäschestück, das ich noch trug, dann sah ich sie verlegen an. Es dauerte einen Augenblick, bis sie verstand.

„Nicht dein Ernst“, prustete sie.

Als ich nickte, stöhnte sie und kniff demonstrativ die Augen fest zu.

„Nicht schummeln“, sagte ich.

„Ja doch. Jetzt mach!“

Miray verschränkte die Hände, hielt sie vor den Bauch. Nackt setzte ich meinen Fuß auf die Räuberleiter, stieg zum Fenster hoch und sah hinaus. Das fahle Mondlicht spiegelte sich im See und ließ die Oberfläche gespenstisch glitzern. Sie erinnerte tatsächlich an ein Weizenfeld.

Ich zog mich weiter durch das Fenster, bis mein Bauch auf dem Rahmen lag. Nur noch ein wenig weiter, und mein eigenes Gewicht würde mich vollständig hinausziehen.

„Ich hoffe, das Wasser ist tief genug“, rief ich hinein.

„Pass auf dich auf, ja?“ Mirays Stimme klang beinahe flehend. „Und vergiss mich hier nicht.“

„Mach ich.“

Dann ein letzter Schubs. Mein Bauch rutschte über die Kante, mein Oberkörper zog mich nun hinaus. Es gelang mir irgendwie, mich von der Außenwand abzudrücken. Wie in Zeitlupe kam die Oberfläche auf mich zu. Mit weit gestreckten Armen versuchte ich, möglichst flach auf ihr zu landen.

Der See war eiskalt. Als ich eintauchte, spürte ich, wie meine Muskeln verkrampften und mir die Luft aus der Lunge pressten. Das Wasser bremste mich ab, bevor ich den Grund erreichte. Als ich wieder auftauchte, schwamm ich ein paar Meter hinaus, um mir einen besseren Blick zu verschaffen.

Ich sah die Rückwand einer relativ großen Blockhütte. Sie war einstöckig und hatte ein flaches Giebeldach. Es gab zwei Fenster. Links ein kleines quadratisches, hinter dem es dunkel war. Rechts war das Klappfenster, aus dem ich mich hatte fallen lassen. Beide waren nun unerreichbar hoch.

Am Klappfenster erschien im Gegenlicht die Kontur eines Kopfes.

„Alles in Ordnung?“, hörte ich Miray rufen. Ein Echo hallte aus den Bergen zurück.

„Ja“, antwortete ich. Dann schwamm ich näher zum Fenster, um leiser sprechen zu können.

„Was siehst du?“, fragte Miray.

„Die Blockhütte scheint ziemlich groß zu sein. Ich sehe nur ein weiteres Fenster, es ist dunkel. Links am Ufer sind dichte Sträucher, da ist kein Durchkommen. Aber rechts ist ein Steg mit einem Ruderboot. Da kann ich raus.“

„Gut“, sagte Miray knapp. „Sei vorsichtig. Dass im anderen Fenster kein Licht brennt, bedeutet nicht, dass wir hier alleine sind.“

„Mach ich.“

Ich erreichte den Steg, entdeckte dort eine kleine Leiter und stieg langsam aus dem Wasser.

Ein leichter, lauer Wind kam auf und ließ mich frösteln. Ich hörte das Rauschen der Blätter, das Plätschern der Wellen, die gegen das Ufer schlugen, und das leise Rumpeln des Ruderboots.

Der Steg führte zur Vorderseite der Hütte. Ich schlich vorsichtig an der Wand entlang, kam an einem Fenster mit geschlossenen Schlagläden vorbei und warf einen Blick um die Ecke.

Dort befand sich ein kleiner Vorplatz aus grobem Kies, eingefasst von Feldsteinen. Dahinter erstreckte sich ein dichter Wald, nur unterbrochen von einer schmalen Zufahrt, die wie ein Schlund in die dunkle Tiefe führte. Keine Ahnung, wie weit sich dieser Fahrweg in den Wald hineinzog. Es gab kein Licht, keine Straßenlaternen, und ich hörte in der Ferne keinen Verkehr. Die Hütte schien weit abgelegen zu sein.

Ich verließ die Holzbohlen des Stegs und trat auf den Vorplatz. Die kleinen Steine knirschten bei jedem Schritt und bohrten sich schmerzhaft in meine Fußsohlen.

Nach ein paar Metern drehte ich mich um.

An der Vorderseite hatte die Hütte zwei breite Fenster, diesmal mit offenen Schlagläden, doch dahinter war es dunkel. Zwischen ihnen lag eine solide Haustür mit einer kleinen Treppe davor.

Ein kleiner, weißer VW Polo mit norwegischem Kennzeichen parkte an der Hütte. Vielleicht gehörte er uns?

„Ich glaube nicht, dass außer uns noch jemand hier ist“, murmelte ich. Es war höchste Zeit, Miray aus ihrem Gefängnis zu befreien.

Als ich vor der Haustür stand und bloß einen Knauf sah, schwante mir Böses. Ich zog und rüttelte daran, aber nichts geschah. Die Tür war zugesperrt.

Verlegen sah ich zum Fahrweg. Daran hätte ich denken müssen, bevor ich mich nackt aus dem Fenster fallen ließ. Was sollte ich erzählen, wenn mich jemand hier erwischte? Dass ich gerade duschte, als der Postbote klingelte, und die Tür dann hinter mir ins Schloss fiel? Wohl kaum.

Etwas knackte im Wald und ließ mich zusammenzucken. Es raschelte im Unterholz, dann sah ich den Kopf eines Fuchses. Er starrte mich an, als wollte er fragen, was ich um diese Zeit hier draußen verloren hätte. Schließlich machte er kehrt und verschwand unter einer Tanne.

Mein Blick fiel auf die Tür. Ich musste einen Weg in die Hütte finden. Dringend.

Ich ging zum linken Fenster und spähte durch die Scheibe. Der Raum dahinter lag im Dunkeln, abgesehen von ein paar kleinen, rot leuchtenden Strichen seitlich an der Wand. Weiter hinten erkannte ich einen schmalen Lichtstreifen am Boden. Das musste die Tür zum Lagerraum sein.

Das Fenster gab plötzlich nach und öffnete sich einen Spalt. Was für ein Glück! Vorsichtig stieß ich es ganz auf und öffnete auch den anderen Flügel. Die Öffnung war nun breit genug für mich.

Ich stieg über die Fensterbank und stand vor einer Art Tresen. Dahinter konnte ich eine kleine Küchenzeile ausmachen. Die roten Lichter, die ich eben gesehen hatte, entpuppten sich als Ziffern auf dem Display eines Backofens. Sie zeigten die Uhrzeit an: kurz nach halb zwei.

Ich tastete mich am Tresen entlang und erreichte die Tür mit dem Lichtspalt.

Leise klopfte ich an.

„Miray?“, flüsterte ich. „Ich bin’s.“

„Wer?“, hörte ich sie fragen.

„Wer wohl? Dian!“

Einen Moment lang hörte ich nichts, dann fragte sie: „Verwenden Sie Zahnseide?“

Ein leises Kichern drang durch die Tür.

„Lass den Unsinn“, zischte ich.

„Okay“, sagte sie ernst. „Hol mich endlich hier raus.“

Ich zögerte.

„Kannst du zuerst meine Unterhose unter der Tür durchschieben?“

Miray trat gegen das Türblatt.

„Wenn du nicht bald aufmachst, schiebe ich dich unter der Tür durch.“

„Ist ja gut“, knurrte ich und begann, den Boden nach der anderen Klinke abzusuchen.

Sie lag gleich vor der Tür. Ich nahm sie und versuchte, ihren Vierkant in die Öffnung zu stecken. Zuerst klemmte er, doch dann glitt er hinein. Eine Feder im Schloss quietschte, als ich die Klinke herunterdrückte. Vorsichtig schob ich die Tür auf.

Ein Arm langte heraus, packte mich am Genick und zog mich in den Lagerraum. Miray drückte ihren Kopf fest an meine Schulter.

„Du hast es geschafft“, flüsterte sie mir ins Ohr.

Sofort machte sie einen Schritt zurück und wischte sich die Arme ab.

„Du bist nass“, stellte sie fest.

„Es geht nichts über ein romantisches Bad in einem kalten See bei Mondschein.“

Miray nickte. „Deine Sachen liegen auf der Waschmaschine. Ich schaue mich schon mal ein wenig nebenan um, während du dich anziehst.“

Sie ließ mich zurück und ging ins Nachbarzimmer. Ein wenig später musste sie einen Schalter gefunden haben, denn ein schwaches, warmes Licht ging an.

„Whoa!“, rief Miray.

„Was ist los?“, rief ich zurück.

„Das musst du dir ansehen.“

Ich versuchte, rasch den Gürtel zu schließen, doch er klemmte, und ich brauchte mehrere Anläufe. Dann warf ich mir das T-Shirt über und eilte zu ihr. Sie stand mitten im Zimmer, die Hände in die Hüften gestemmt, und sah sich um.

Die Küchenecke mit der Theke und dem Backofen hatte ich bereits im Dunkeln entdeckt. Bei Licht bot sich nun ein vollständiges Bild. Die Wände bestanden auch hier aus Blockstämmen, die Decke aus langen Holzlatten. Das Holz war dunkel gebeizt. Im schummrigen Licht zweier Kugellampen, die von der Decke hingen, wirkte es beinahe schwarz.

Im Raum standen sich zwei Sofas gegenüber, die mit einem groben, hellgrauen Stoff bezogen waren. Zwischen ihnen stand ein niedriger Tisch mit einer Platte aus einer großen Baumscheibe. In die Wand gegenüber der Küche war ein Kamin eingelassen. In der Nähe des Fensters stand ein rustikales Sideboard, davor zwei Stühle.

Eigentlich sah der Raum gemütlich und einladend aus, die perfekte Hütte für einen ruhigen Urlaub in der Natur, wäre da nicht diese Unordnung gewesen.

Auf dem Tisch standen mehrere benutzte Teller, das Besteck lag teilweise noch im Essen. Bierdosen lagen herum, manche achtlos in eine Ecke geworfen, dazu Gläser mit irgendwelchen Flüssigkeiten. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Luft abgestanden war und nach kalt gewordenem Fleisch roch.

In einer Schale auf dem Tisch fand ich Klebezettel, auf denen mit einem dicken Stift einzelne Wörter notiert waren.

„Lösegeld, Fluchtwagen, Komplizen, Plan B“, las ich vor. „Was hat das alles zu bedeuten?“

Miray stand bei den Stühlen und hielt ein langes Seil und eine Rolle graues Gewebeband in den Händen.

„Keine Ahnung, aber nichts Gutes“, antwortete sie. Mit ernstem Gesicht legte sie beides zurück und ging in die Küche.

Mein Blick fiel auf eine Bananenschale unter dem Tisch.

„Vielleicht hält man uns hier gefangen?“

„Oder Schlimmeres.“

Miray winkte mich zu sich und deutete auf den Tresen. Dort lagen ein Schneidebrett und ein langes Küchenmesser. Und da war Blut. Viel Blut. Es klebte an der Klinge, war über das Brett und den Tresen geschmiert.

„Ich denke, jetzt wissen wir, wo die Flecken auf meinem Shirt herkommen.“

Ich nickte und deutete auf ein kleines Fläschchen. „Was ist das?“

Miray nahm es und las das Etikett.

„Das ist Fentanyl.“ Sie sah mich ernst an. „Ein Betäubungsmittel. So ein Zeug, das einen richtig umhaut, wenn man es zu stark dosiert.“

Ich nahm die Ampulle und betrachtete sie. Sie hatte einen Deckel, den man mit einer Spritze durchstechen konnte, wie bei Fläschchen, die in Arztpraxen und Krankenhäusern verwendet werden. Viel Flüssigkeit war nicht mehr darin.

„Du meinst, wir wurden hier gefesselt, betäubt und dann im Lagerraum eingesperrt?“, fragte ich.

Sie legte den Kopf zur Seite. „Möglich.“

Mein ganzer Körper spannte sich an und meine Hände fingen an zu schwitzen.

„Das heißt, wir wurden überfallen! Oder entführt und hierher gebracht, und jetzt fordern sie Lösegeld.“

Miray schien mir gar nicht zuzuhören. Sie ging zu einer weiteren Tür und öffnete sie. Dahinter befand sich ein kleines Badezimmer. Neben der Dusche war das kleine Fenster, das ich auf der Rückseite bemerkt hatte. Im Waschbecken fanden wir weitere Blutspuren, ebenso auf dem Handtuch, das daneben hing.

„Hier sollte man dringend mal lüften“, keuchte Miray und fächerte sich Luft zu. „Schauen wir, wie schlimm es in der nächsten Etage ist.“

Sie deutete auf eine Treppe, die zwischen dem Bad und dem Lagerraum nach oben führte.

„Ich weiß nicht, ob ich das wissen möchte“, stöhnte ich.

Dann legte ich einen Schalter um, und oben ging eine trübe Wandlampe an. Die Treppe endete an einem schmalen Absatz etwa in der Mitte des Daches. Von dort gingen zwei Türen ab.

Vorsichtig stiegen wir die Stufen hoch, öffneten die linke Tür und schalteten das Licht ein. Wir standen in einem kleinen Dachzimmer. Die Decke war so niedrig, dass man nur unter dem Dachfirst aufrecht stehen konnte. Am gegenüberliegenden Ende war ein kleines rundes Fenster hinter einem Vorhang. Links und rechts standen zwei schlichte Betten unter der Dachschräge, bezogen mit pastellgrünem Bettzeug. Dazwischen stand ein kleiner Nachttisch mit einer bunten Tiffanylampe.

„Hier ist nichts“, stellte ich fest.

Miray hatte die Schublade des Nachttischs aufgezogen, sah kurz hinein und schloss sie wieder.

„Nichts“, wiederholte sie. „Seltsam, nicht wahr? Unten sieht es aus wie nach einem Tsunami in einer Räuberhöhle, und hier oben ist alles so unberührt wie in einer Möbelhausausstellung. Keine Kleider, keine persönlichen Sachen, nur zwei Betten und ein leerer Nachttisch.“

„Vielleicht ist das andere Zimmer ja benutzt.“

Ich drehte mich um und versuchte, dessen Tür zu öffnen, doch sie bewegte sich nicht.

„Hmm… Abgeschlossen.“

„Dann ist es nicht unsere Hütte“, folgerte Miray. „Wir hätten keinen Grund, das Zimmer vor uns selbst abzusperren.“

Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie den Gedanken loswerden.

„Beschäftigen wir uns später damit, Dian. Hier in der Hütte sind wir fertig. Lass uns schauen, was wir draußen finden.“

Ich ging voran, um Miray den Weg zu zeigen. Das Fenster bei der Küche stand noch offen. Ich schwang mich auf die Fensterbank und wollte hinausklettern, blieb aber mit meinem Knie am Fensterflügel hängen, zog ihn mit und steckte prompt im Rahmen fest. Ich kam nicht weiter, musste zurück und es erneut versuchen.

Der zweite Anlauf war erfolgreich. Gerade wollte ich mich umdrehen, um Miray herauszuhelfen, als ein Schatten neben mir auftauchte.

Ich schrie, wich aus, stolperte über die eigenen Beine und fiel hin.

Der Schatten reichte mir die Hand.

„Ich bin’s nur“, hörte ich Miray sagen.

„Wie bist du rausgekommen?“, fragte ich verblüfft.

Miray half mir auf die Beine und sah mich irritiert an. „Durch die Haustür. So wie jeder Mensch, der nicht in einer Höhle aufgewachsen ist. Ich brauchte sie nur zu öffnen.“

Verlegen rieb ich mir den Hinterkopf. Ich hätte selbst auf die Idee kommen können, es wenigstens zu versuchen.

Wir machten eine kleine Runde um den Parkplatz. An der einen Seite der Hütte führte der Steg zum See. Miray zog es vor, ihn nicht zu betreten.

Als Nächstes gingen wir ein paar Schritte den Fahrweg entlang in den Wald hinein. Nach wenigen Metern machte der Weg einen scharfen Knick. Dahinter schluckten die Bäume das letzte Licht. Ohne Taschenlampe ging es nicht weiter, also kehrten wir zum Parkplatz zurück und sahen uns weiter um.

„Was ist das?“, fragte Miray plötzlich und deutete auf die dichten Büsche neben der Hütte.

Darin glänzte etwas Metallisches im Mondlicht. Wir zogen es heraus und hielten ein Crossrad in den Händen.

„Da blutet mir das Mechanikerherz“, seufzte ich. „Das gute Stück sieht doch so weit noch tadellos aus.“

„Leider hat es kein Licht“, sagte Miray. „Damit kommen wir hier nicht weg.“

Sie deutete auf den VW. „Was ist mit dem Auto?“

„Keine Ahnung. Vielleicht gehört es uns?“

„Dann hätten wir einen Schlüssel bei uns gehabt. Wenn es den anderen gehört, könnten sie noch in der Nähe sein.“ Sie sah mich auffordernd an. „Kannst du es kurzschließen?“

„Das klappt nur in alten Filmen. Moderne Autos haben eine Wegfahrsperre. Ohne Schlüssel fährt die Karre keinen Meter weit.“

Ich deutete zum See.

„Wir könnten mit dem Boot rausfahren und uns verstecken, bis es hell wird.“

„Vergiss es. Ich habe keine Lust auf nasse Füße, das weißt du.“

„Also doch zu Fuß durch den Wald?“

Miray schnaubte kurz.

„Du hast selbst gesehen, wie dunkel es ist. Und wir wissen nicht, wie weit wir laufen müssen. Wir könnten uns verirren oder verletzen.“

„Dies nicht, das nicht, jenes nicht.“ Ich verzog den Mund. „Was schwebt dir denn vor? Hier herumstehen und warten, bis die anderen zurückkehren?“

„Warum nicht?“ Miray stemmte die Hände in die Hüften. „Wenn wir das Fenster schließen und das Licht ausschalten, wissen sie nicht, dass wir ausbrechen konnten. Wir können sie überraschen.“

„Überraschen!“ Meine Stimme klang schärfer, als ich wollte. „Hast du das Küchenmesser und die Ampulle vergessen? Sie haben uns schon einmal überwältigt und eingesperrt. Wir wissen nicht einmal, wie viele es sind. Und du willst sie überraschen?“

„Immer noch besser, als nachts durch einen finsteren Wald zu irren.“

„Wenn wir auf dem Weg bleiben, erreichen wir sicher irgendwann eine Straße. Von dort fahren wir per Anhalter weiter.“

„Weiter, aha. Und wohin?“

„Weiß nicht. Vielleicht zur Polizei.“

„Und dann? Bisher mussten wir uns in jedem Traum selbst dem Abenteuer stellen. Weglaufen hat noch nie eines unserer Probleme gelöst.“

Ich hob beschwichtigend die Hände.

„Okay. Okay.“ Ich holte tief Luft. „Aber vielleicht ist unsere Aufgabe bloß, hier lebendig wegzukommen.“

„Und die ganzen Hinweise?“ Miray deutete auf die Hütte. „Sollen wir sie etwa einfach…“

Sie verstummte plötzlich und starrte in den Wald. Ich drehte mich um.

In der Ferne streifte ein heller Lichtkegel die Baumkronen. Er schwankte, änderte seine Richtung. Ein Motorengeräusch wurde lauter.

Miray zog mich zu sich.

„Da kommt ein Auto“, flüsterte sie aufgeregt. „Schnell, wir müssen uns verstecken.“

Wir sprinteten zum VW und ließen uns dahinter auf den Boden fallen. Vorsichtig spähten wir über die Motorhaube.

Das Auto hatte bereits das Ende des Fahrwegs erreicht. Seine Scheinwerfer beleuchteten die Vorderseite der Hütte. Kurz vor der Tür hielt es an. Es war ein gelber Toyota mit einer dicken Beule im Kotflügel. An der Seite standen in großen Lettern das Wort „Taxi“ und eine Rufnummer.

Einen Augenblick später öffnete sich die hintere Tür. Eine Frau stieg aus. Sie schien etwa in unserem Alter zu sein und war groß und kräftig gebaut. Ihr langes blondes Haar war zu einem Zopf gebunden, der ihr über den Rücken fiel. Über ihrer Schulter hing eine große Handtasche. Sie zog einen Rucksack von der Rückbank, bedankte sich beim Fahrer und schlug die Tür zu.

Das Taxi wendete und fuhr davon.

Die Frau blieb einen Moment vor der Hütte stehen und starrte sie an. Dass drinnen Licht brannte, schien sie zu irritieren. Nach einer Weile ging sie zur Tür, schloss sie auf und verschwand.

Miray stupste mich an. Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen und gab mir dann zu verstehen, dass ich ihr folgen solle. Wir schlichen zur Tür, stellten uns zu beiden Seiten auf und warteten.

Schritte kamen näher. Die Frau kehrte zurück.

„Verdammt“, hörten wir sie murmeln, „wo stecken die beiden Gauner?“

Dann trat sie heraus. Blinzelte kurz in die Dunkelheit. Sah mir direkt ins Gesicht.

„Dian?“, fragte sie überrascht. „Was…“

In dem Moment griff Miray von hinten zu. Sie drehte ihr den Arm auf den Rücken und hebelte ihn nach oben.

Die Frau schrie auf.

„Miray?“, rief sie. „Bist du verrückt geworden?“

„Meinen Geisteszustand klären wir später“, knurrte Miray. „Erst mal gehen wir rein, ja?“

Sie schob die Frau vor sich her in die Hütte, und ich schloss die Tür hinter uns.

Miray drückte die Frau auf einen Stuhl, dann sah sie mich an und deutete auf das Seil.

„Fessel sie, Dian. Danach hören wir, was sie zu sagen hat.“

Die Frau riss die Augen auf, sah erst mich entsetzt an, dann Miray.

„Was ist in euch gefahren?“, fragte sie panisch. „Ich bin’s, Silje! Erkennt ihr mich nicht?“

Ich sah Miray irritiert an. Sie zuckte mit den Schultern. Also nahm ich das Seil und begann, Siljes Hände am Stuhl festzubinden. Silje versuchte, sich aus Mirays Griff zu winden. Als sie merkte, dass es keinen Zweck hatte, schrie sie wütend auf.

„Und Sondre hat euch noch gewarnt“, rief sie. „Sein Selbstgebrannter hat es wirklich in sich. Aber ihr habt ja völlig den Verstand verloren.“

Nachdem ich Silje sicher verschnürt hatte, ließ Miray sie los. Wir nahmen ihr gegenüber auf dem Sofa Platz und sahen sie schweigend an.

„Warum sind wir hier?“, begann Miray schließlich.

Silje sah sie verblüfft an, konnte nicht glauben, was sie hörte. „Miray“, sagte sie ernst, „ich schwöre dir, wenn das einer deiner Scherze sein soll, bist du diesmal zu weit gegangen.“

„Sie hat dir eine Frage gestellt“, sagte ich forsch.

Silje schüttelte den Kopf. „Ihr wisst es echt nicht mehr? Die Party? Mit Sondre und Magnus? Ich wollte euch Henrik vorstellen, und dann wollten wir gemeinsam Sankt Hans feiern.“

„Eine Party?“, fragte ich ungläubig. „Mit Seilen und Gewebeband als Requisiten?“

„Wenn ich es euch erzähle, werdet ihr mir sowieso nicht glauben.“ Silje lachte verzweifelt. Dann hatte sie einen Einfall. „Nehmt mein Handy aus der Handtasche, entsperrt es mit meinem Daumen und schaut euch die letzten Videos an.“

Ich stand auf und holte die Handtasche, die Silje neben der Tür abgestellt hatte. Ihr Handy fand ich zwischen einem Schlüsselbund und einer Packung Kaugummis. Es war gesperrt, also hielt ich ihren Daumen auf den Sensor. Das Display ging an.

Mit dem Gerät in der Hand setzte ich mich zu Miray auf das Sofa. Sie rückte näher und sah zu, wie ich die App öffnete und eines der Videos auswählte.

Das Video war in der Hütte aufgenommen worden. Miray, drei weitere Männer und ich saßen rund um den Tisch auf dem Sofa und den Stühlen. Jedem von uns klebte ein gelber Zettel auf der Stirn.

„Bin ich ein Tatwerkzeug?“, hörte ich meine eigene Stimme fragen. Die anderen verneinten. Die Kamera zoomte auf meinen Zettel. Darauf stand „Plan B“.

Das löste immerhin das Rätsel um die Klebezettel in der Schale.

Ich wischte weiter. Miray und ich standen nun auf dem Tisch, jeder mit einer Banane in der Hand, und sangen in einem schiefen Duett „Stand By Me“. Keiner von uns traf einen Ton. Trotzdem johlten die anderen und klatschten im Takt.

Der nächste Clip zeigte Miray und einen der Männer, Rücken an Rücken auf den zwei Stühlen. Das Seil war mehrfach um ihre Oberkörper und die Stuhllehnen gewickelt, ihre Hände lagen gefesselt auf ihren Bäuchen. Der Mund des Mannes war mit dem Gewebeband zugeklebt. Ein anderer Mann ging zu ihm und flüsterte ihm ein Wort ins Ohr. Dann machte sich der Geknebelte an die Arbeit.

Er brummte, summte, schnaubte und zuckte mit den gefesselten Händen, als würde er einen unsichtbaren Fisch filetieren.

„Bienenstock!“, riet Miray.

„Falsch“, schrien die anderen. „Trinken!“

Mein anderes Ich kam ins Bild, schenkte Schnaps aus einer Feldflasche ein und hielt Miray das Glas an die Lippen. Sie schluckte gehorsam.

Der Geknebelte versuchte es anders. Diesmal summte er dünn und kreisend, wie eine Mücke dicht am Ohr.

„Zahnarztbohrer!“

„Falsch! Trinken!“

Wieder gab es Schnaps. Das Gesicht der anderen Miray glänzte, nachdem sie getrunken hatte.

Der Mann gab nun wirklich alles, blähte die Backen, zischte durch die Nase und rüttelte an den Fesseln.

„Sprudelwasser?“

„Falsch!“, brüllten die anderen.

Der Mann ließ den Kopf hängen und stöhnte in sein Klebeband. Hinter der Kamera lachte Silje so sehr, dass die Aufnahme wackelte.

Miray zog mir das Handy aus der Hand und schaltete es ab.

Ich sah Silje an und versuchte zu begreifen, was ich da gerade gesehen hatte.

„Irgendein Trinkspiel, frag mich nicht“, seufzte sie. „Deine bessere Hälfte hat es sich spontan ausgedacht. Uns war allen klar, dass es unmöglich funktionieren konnte, aber sie hatte so viel Spaß dabei.“

Miray räusperte sich laut.

„Und was war in der Küche los?“, fragte sie. „Das blutige Messer? Das Fentanyl? War das auch ein Partyspiel?“

Siljes Gesicht verfinsterte sich.

„Henrik wollte noch eine Runde Caipirinhas für uns machen. Beim Schneiden der Limetten rutschte er mit dem Messer ab und schnitt sich tief in die Hand.“

Eine Träne rann über ihr Gesicht.

„Sein Blut war überall. Am Messer, auf der Arbeitsplatte. Wirklich überall. Zum Glück hatte Magnus sein Sanitäterköfferchen im Auto. Er versorgte Henriks Wunde, so gut es ging, und spritzte ihm ein Schmerzmittel. Dann sagte er, wir müssten ihn sofort ins Krankenhaus bringen.“

Sie sah uns verzweifelt an. Ihr Blick sprang von Miray zu mir und wieder zurück.

„Erinnert ihr euch wirklich an gar nichts mehr? Als du helfen wolltest, hast du dir mit dem Blut noch dein Shirt ruiniert, Miray!“

Miray verzog keine Miene.

„Und wir?“, fragte sie. „Warum sind wir alleine hiergeblieben?“

Silje schnaubte abfällig.

„Eigentlich wollte ich mit Henrik und du mit Dian hier in der Hütte übernachten. Magnus hat morgen Frühschicht im Krankenhaus, er und Sondre wollten nach der Party nach Hause fahren. Als der Unfall mit dem Messer passierte, war die Partystimmung natürlich vorbei. Magnus fuhr Henrik ins Krankenhaus, Sondre und ich fuhren mit. Danach war kein Platz mehr im Auto. Ihr habt gesagt, ihr bleibt hier und räumt auf.“

„Ihr hättet doch den Notarzt rufen können“, warf ich ein.

„Hier draußen?“ Silje lachte auf. „Die ganze Gegend hat kein Handynetz.“

„Und der VW?“

„Ist meiner. Aber Magnus war der Einzige von uns, der nüchtern blieb. Bei uns anderen war an Autofahren nicht mehr zu denken.“

Ihr Gesicht wurde wieder ernst.

„Im Krankenhaus haben sie Henrik sofort operiert. Ich blieb dort, bis ich wusste, dass es ihm gut geht. Dann kam ich mit dem Taxi zurück, um euch zu helfen. Außerdem hattet ihr den Rucksack mit euren Sachen in Magnus Auto liegen lassen, als er euch am Nachmittag herbrachte. Den habe ich euch mitgebracht. Und dann fand ich euch hier, völlig von der Rolle.“

Miray hatte sich zurückgelehnt und die Arme verschränkt. Mit einer Hand trommelte sie auf ihrem Oberarm.

„Warum waren wir im Lagerraum eingesperrt?“, fragte sie schließlich.

Silje stutzte. Dann lachte sie plötzlich.

„Die Türklinke ist kaputt. Wir haben noch Witze darüber gemacht, wisst ihr nicht mehr? Vielleicht habt ihr sie ja rausgezogen und euch selbst eingesperrt.“

Sie sah uns an. Ihr Blick war müde und erschöpft.

„Miray, Dian“, flehte sie leise, „es war ein langer und wirklich beschissener Tag. Wenn ihr mit dem Verhör jetzt fertig seid, könnt ihr mich bitte losmachen?“

Miray tippte sich auf die Nasenspitze. Dann sah sie mich an und nickte in Richtung Tür. Ich folgte ihr nach draußen.

„Glaubst du ihre Geschichte?“, fragte sie mich.

Ich sah zurück in die Hütte und dachte an Silje, die dort gefesselt auf einem Stuhl saß. Irgendwie tat sie mir leid.

„Immerhin kannte sie unsere Namen“, sagte ich.

„Das muss nichts heißen.“

Ich nickte. „Das stimmt. Aber ihre Geschichte klingt plausibel. Und die Videos? Das sah wirklich nicht nach einer Entführung aus, sondern nach einer wilden Party.“

Miray sah mich an, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

„Erwähne bitte nie wieder diese Videos! Vor allem das letzte.“

Dann nickte sie langsam.

„Vermutlich hast du recht, Dian. Das passt tatsächlich alles zusammen.“

„Gut“, sagte ich und rieb mir die Hände. „Dann werde ich das Paket mal aufschnüren gehen.“

Silje rieb sich die Handgelenke und sah mich an, verletzt, verunsichert. Ihr Blick glitt zu Miray, die am Küchentresen stand, ihre Arme verschränkt und ihre Augen zu Schlitzen verengt.

Miray beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sie war nicht überzeugt. Nicht wirklich.

Langsam stand Silje auf.

„Vielleicht solltet ihr einfach schlafen gehen“, schlug sie vor. „Ich weiß nicht, was ihr für ein Zeug genommen habt, aber morgen seid ihr hoffentlich wieder die Alten und wir können beim Frühstück zusammen über diesen Vorfall lachen.“

Ich nahm unseren Rucksack und reichte Miray die Hand.

„Und du?“, fragte ich Silje.

„Ich räume noch ein wenig auf. Der Vermieter kommt morgen um neun. Wenn er dieses Chaos sieht, ist die Kaution futsch. Ich versuche auch, leise zu sein und euch nicht zu stören.“

Wir gingen die Treppe hoch. Im Schlafzimmer ließ ich den Rucksack auf eines der Betten fallen und zog den Reißverschluss auf. Klamotten, frische Socken, ein Kulturbeutel. Unsere Alter Egos hatten ordentlich gepackt. Sogar an eine Packung Zahnseide hatten sie gedacht. Ich musste schmunzeln.

Miray zog ihr beflecktes T-Shirt über den Kopf, knüllte es zusammen und drückte es tief in eine Seitentasche des Rucksacks, als wollte sie es nie wiedersehen. Ich zog einen frischen Pyjama an, während sie sich die Zähne putzen ging.

Dann lagen wir in unseren Betten. Die Tiffanylampe auf dem Nachttisch warf bunte Lichtflecke an die Zimmerdecke. Draußen strich der Wind sanft über das Dach und ließ die Schindeln klappern. Durch das leicht geöffnete Fenster hörte ich in der Ferne das Wasser gegen das Boot am Steg schlagen.

Es wäre ein romantischer Moment für ein wenig Bettgeflüster gewesen, für einen anregenden Plausch zwischen zwei Verliebten. Doch Miray war mit ihren Gedanken woanders.

„Was hat das alles bloß zu bedeuten?“, fragte sie leise, fast so, als spräche sie mit sich selbst. „Kein grüner Kreis. Wir wissen nicht einmal, was unsere Aufgabe ist. Stecken wir schon mitten im Abenteuer, oder hat es noch gar nicht begonnen?“

Ich drehte mich zur Seite und sah sie an.

„Heute passiert sowieso nichts mehr, Miray. Schlaf erst mal. Morgen werden wir sicher mehr erfahren.“

Sie sah mich an, als wollte sie etwas sagen. Dann nickte sie bloß.

„Gute Nacht, Dian.“

Ich kuschelte mich tiefer in meine Decke.

„Gute Nacht, Miray.“

Sie griff zum Schnurschalter und löschte das Licht. Die bunten Flecken der Lampe tanzten noch als Nachbild vor meinen Augen, verblassten aber bald.

Ich hörte Silje unten mit Geschirr klappern. Vermutlich räumte sie gerade die Spülmaschine ein. Ich dachte an den Abend, an die Videos, an die Party, die unsere Alter Egos hier gefeiert hatten. Es war ein merkwürdiges Gefühl, mich in den Videos zu sehen, ohne selbst eine Erinnerung an die Szenen zu haben. So, als hätte ich einen Zwillingsbruder beobachtet.

Eigentlich hatten wir Glück gehabt. Wie auf jeder Reise wussten wir auch diesmal nicht, was geschehen war, bevor wir in der Traumwelt aufwachten. Jedes Mal mussten wir improvisieren und uns an unsere Umgebung anpassen. Dass Silje glaubte, Sondres Selbstgebrannter hätte uns einen massiven Filmriss beschert, spielte uns bei diesem Abenteuer in die Karten.

Silje war eine gute Freundin, so viel war klar.

Und wir hatten sie überwältigt, auf einen Stuhl gefesselt und wie eine Kriminelle verhört. Ihr Unrecht getan.

Meine Gedanken wurden träger, verflochten sich mit dem Klappern aus der Küche, bis sie ganz verstummten. Ich schlummerte ein und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Ein lautes, dumpfes Poltern schreckte mich hoch.

„Was war das?“, hörte ich Miray sagen. Dann schaltete sie das Licht an.

„Sicher Silje“, brummte ich verschlafen. „Vielleicht ist ihr etwas runtergefallen.“

Miray stand auf und ging zur Tür. Träge folgte ich ihr.

„Ich glaube, das kam von der Treppe“, flüsterte sie.

Ich versuchte, die Tür zu öffnen. Mit einem Knall stieß sie gegen etwas und gab nur einen schmalen Spalt frei.

„Was soll das jetzt wieder?“, knurrte Miray.

Ich tastete durch die Öffnung und fand die Ursache.

„Die andere Schlafzimmertür steht offen und blockiert unsere“, erklärte ich. „Einen Moment, gleich habe ich’s.“

Ich bekam die andere Tür zu fassen und schob sie ein Stück zur Seite, gerade weit genug, dass sich unsere endlich öffnen ließ.

Wir blieben oben an der Treppe stehen und lauschten. Als wir nichts hörten, schlichen wir die Stufen hinab und sahen uns im Wohnraum um. Niemand war dort.

Dann öffnete sich die Haustür und Silje kam herein. Einen Moment sah sie uns überrascht an.

„Habe ich euch geweckt?“, fragte sie schließlich.

Sie setzte sich ein Lächeln auf, doch es wirkte falsch, eher wie eine Grimasse.

„Was war das für ein Poltern?“, fragte Miray.

„Poltern?“ Silje dachte kurz nach. Dann schien es ihr einzufallen. „Ach, mir ist eben mein Koffer die Treppe heruntergefallen. Vielleicht war es das.“

Miray stutzte. „Dein Koffer?“ Sie sah sich um. „Wo ist er denn?“

„Ich… ähh… Ich habe ihn gerade zum Auto gebracht.“

„Was, jetzt? Um kurz vor vier? Und brauchst du ihn nicht noch?“

„Nein… Also…“, stammelte Silje verlegen. „Ich dachte, ich…“

„Es reicht“, unterbrach Miray sie lautstark. „Hör endlich auf, uns zu belügen! Warum hast du uns in den Lagerraum gesperrt?“

Silje schüttelte empört den Kopf. „Geht das schon wieder los, Miray?“

Sie wich langsam zum Tresen und ließ uns dabei nicht aus den Augen.

„Ihr habt euch selbst eingesperrt. Keine Ahnung, vielleicht wolltet ihr dort in Ruhe ’ne Runde vögeln. Ihr habt die Tür zugemacht und dabei die Klinke aus dem Schloss gezogen.“

„Unsinn“, rief Miray. „Bei uns im Lagerraum lag das Klinkenteil ohne den Vierkantstift. Ich konnte es nirgendwo aufstecken. Hätten wir die Tür wirklich von innen zugemacht und uns dabei selbst eingesperrt, wie du sagst…“

„…dann hätte der Teil mit dem Vierkantstift noch im Schloss stecken müssen“, beendete ich ihren Satz. Noch während ich es aussprach, begriff ich, worauf Miray hinauswollte.

„Richtig“, sagte Miray. „Also hat jemand die Klinke von außen herausgezogen. Dadurch fiel auch die Klinke auf unserer Seite herunter.“

Ihr Blick bohrte sich in Siljes Augen.

„Und dieser Jemand, der warst du, nicht wahr?“

Silje machte den Mund auf, schloss ihn wieder. Dann plötzlich griff sie nach dem langen Messer, das noch immer auf der Theke lag, und richtete es auf uns.

Miray hob beschwichtigend die Hände. „Alles gut“, sagte sie ruhig. „Mach jetzt keinen Unsinn.“

Sie ging langsam einen Schritt auf Silje zu. Silje holte aus. Die Klinge sauste knapp an Mirays Brust vorbei.

Genau darauf hatte Miray gewartet. Sie trat vor, schob sich über Siljes Arm und klemmte ihn unter ihrer Achsel fest. Silje stemmte sich mit aller Kraft dagegen und versuchte, ihren Arm zu befreien, doch er saß fest. Vor Wut schrie sie auf und zerrte wie besessen.

„Nimm ihr das Messer ab, Dian“, ächzte Miray. „Ich kann sie nicht mehr lange festhalten.“

Ich sah auf Siljes Faust, aus der die lange Klinge ragte. Metallisch, scharf, beschmiert mit Henriks getrocknetem Blut. Es gab keine Stelle, an der ich hätte zugreifen können.

„Ich würde mir die Hand aufschlitzen“, rief ich.

„Dann lass dir was einfallen!“

Ich sah mich um. Ich brauchte etwas, irgendetwas, um die Gefahr zu beseitigen.

Auf dem Tisch, zwischen den Tellern und Dosen, fiel mein Blick auf einen Gegenstand.

Das könnte funktionieren!

Ich packte ihn mit beiden Händen und rammte ihn auf das Messer. Es gab einen lauten Knall, als die Klinge den Blechboden durchstieß.

„Du kannst loslassen“, sagte ich stolz. „Sie ist entwaffnet.“

Miray gab den Arm frei. Einen Moment lang starrten wir alle auf Siljes Faust. Von der Klinge war nichts mehr zu sehen. Sie steckte in einer bunten Pappröhre, verborgen zwischen lauter Stapelchips.

„Verdammt!“, zischte Silje. Voller Wut schleuderte sie das nutzlose Ding in eine Ecke, dann belauerte sie uns. Und wir sie.

Plötzlich sprintete sie zur Haustür, Miray direkt hinter ihr her. Silje riss einen Stuhl zur Seite. Er landete vor Mirays Füßen. Sie stolperte darüber, konnte sich aber am Stuhlrahmen festhalten. In dieser Sekunde erreichte Silje die Tür. Sie riss sie auf, schlug mit der flachen Hand auf den Lichtschalter und alles wurde dunkel. Die Tür flog ins Schloss.

„Sie haut ab!“, rief ich aufgeregt in die Dunkelheit.

„Danke für das Update“, stöhnte Miray.

Holz polterte, dann hörte ich Schritte, die sich entfernten. Ein lautes Rütteln an der Tür.

„Verdammt, sie hat uns eingeschlossen.“

Der Raum wurde wieder hell, als Miray den Lichtschalter fand.

„Diesmal steigen wir durchs Fenster“, sagte ich und lief los. Miray folgte mir.

Draußen sahen wir uns um, doch von Silje war keine Spur. Dann hörten wir ein lautes Klappern.

„Es kommt vom See!“, rief Miray.

Wir rannten zum Steg.

Als wir ihn erreichten, hatte Silje das Boot bereits ein gutes Stück hinausgerudert. Sie hockte darin und drückte gegen einen großen Plastiksack, den sie offenbar über den Rand schieben wollte.

Ihre Hände rutschten ab. Das Boot schaukelte, sie verlor das Gleichgewicht. Ein kurzer Schrei, dann fiel sie rücklings ins Wasser.

Sie tauchte auf, ruderte wild mit den Armen. Ihr Fuß hing noch am Rand des Bootes, verfangen in einer Leine. Sie versuchte, sich zu befreien, aber schaffte es nicht.

„Hilfe!“, schrie sie und tauchte für einen Augenblick unter.

Mein Blick fiel auf Miray. Sie starrte auf das Boot, das nur wenige Meter entfernt im See trieb. Ihr Körper war angespannt, als würde eine unsichtbare Kraft sie davon abhalten, einfach ins Wasser zu springen.

„Sie wird ertrinken, wenn wir nichts unternehmen“, wisperte sie.

Meine Hand strich über ihre Schulter. Ich seufzte, dann griff ich an den Saum meines Pyjamashirts, um es mir über den Kopf zu ziehen.

„Hilfe!“, schrie Silje wieder, dann hustete sie heftig.

„Ach, scheiß drauf“, stöhnte ich, sprang ins Wasser und kraulte los.

Als ich Silje erreichte, bewegte sie sich kaum noch. Ich hob sie an. Mit letzter Kraft zog sie sich über den Rand und ließ sich ins Boot fallen. Ich stemmte mich hoch und folgte ihr.

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass Silje mich im nächsten Augenblick angreifen würde. Aber sie lag neben dem Sack, völlig erschöpft, und hustete sich das Wasser aus der Lunge. Sie war außer Gefecht.

Also griff ich nach den Riemen und ruderte zum Steg zurück, wo Miray uns bereits erwartete. Sie half Silje aus dem Boot, drehte ihr danach den Arm auf den Rücken. Ohne Gegenwehr ließ sie sich von uns zur Hütte führen.

In der Schlafkammer zog ich mir schnell ein paar trockene Sachen an, dann ging ich nach unten. Im Kamin prasselte ein Feuer. Silje saß davor, völlig durchnässt, und starrte resigniert in die Flammen.

Miray hatte ihr nicht gestattet, sich auch umzuziehen. Sie saß neben Silje auf dem Boden und bewachte sie. Als sie mich bemerkte, winkte sie mich zu sich.

Ich setzte mich neben die Frauen. Meine Gedanken kreisten um das, was gerade passiert war. Warum griff Silje uns mit dem Messer an? Warum flüchtete sie auf das Boot? Es wollte keinen Sinn ergeben.

„Das Poltern vorhin, das war der Sack, den du die Treppe hinunter und ins Boot geschleppt hast, richtig?“, brach Miray die Stille. „Was ist da drin? Die Leiche von deinem Ex?“

Silje zuckte zusammen. „Woher weißt du das?“

Mirays Mundwinkel zuckte kurz.

„Er schaffte es bis in euer Schlafzimmer. Ein Einbrecher hätte keine Konfrontation riskiert, wäre sofort abgehauen. Aber er? Er war nicht hier, um etwas mitzunehmen. Nein, er suchte jemanden. Und Henrik ist neu in der Runde, also suchte er dich.“

Silje nickte, ihre Schultern sackten ab.

„Ja, es ist Lars. Dieser Vollpfosten. Er hat es nicht verkraftet, dass ich mit ihm Schluss gemacht habe. Er schickte mir ständig Textnachrichten, später Blumen. Dann fing er an, mich zu stalken.“

„Und dann tauchte er hier auf, nicht wahr?“, setzte Miray fort. „Es kam zum Streit. Und auf einmal lag er auf dem Boden.“

„Es war ein Unfall“, rief Silje. Dann musste sie heftig husten. „Henrik und ich waren am Vormittag schon hier und hatten alles vorbereitet. Als wir fertig waren, hatten wir noch Zeit für einen Quickie. Und plötzlich stand da Lars im Türrahmen. Er kannte die Hütte noch von früher und musste geahnt haben, dass wir heute hier feiern würden. Ich weiß nicht mal, wie er überhaupt reingekommen ist.“

Sie brach in Tränen aus.

„Er rastete völlig aus. Schrie herum. Wollte mich schlagen. Als Henrik dazwischenging, stieß er ihn weg. Da sah ich rot. Nahm die Tiffanylampe vom Nachttisch und zog sie ihm über den Schädel. Der Lampenschirm zerbrach. Und dann… Blut… Es schoss aus Lars Hals wie eine Fontäne. Spritzte überall hin. Er sah mich an, hielt sich die Wunde, mit diesem Entsetzen in seinen Augen. Dann brach er zusammen.“

Silje versuchte, ihre Atmung unter Kontrolle zu bringen. Doch Miray ließ ihr keine Pause.

„Er kam mit dem Fahrrad, nicht wahr?“, fragte sie. „Wenn wir es gesehen hätten, hätten wir gewusst, dass er hier ist. Also musste es verschwinden.“

Silje nickte.

„Wir schafften es gerade noch, Lars Drahtesel in die Büsche zu werfen und uns zu waschen, da kam Magnus schon die Auffahrt hochgefahren, mit Sondre und euch beiden. Für die Leiche hatten wir keine Zeit mehr. Wir ließen sie im Schlafzimmer liegen, schlossen die Tür ab, und dann feierten wir…“

„…bis irgendwann in der Küche das Blut von der Decke tropfte.“

Silje sah Miray entsetzt an. „Du hast es bemerkt?“

Miray schüttelte den Kopf. „Aber euer Schlafzimmer ist gleich über der Küche. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es durch die Holzdecke sickern würde.“

Mein Blick sprang zur Küchendecke hoch. „Bei dem dunklen Holz und dem gedämpften Licht ist dort nichts zu sehen“, stellte ich fest.

„Das Blut tropfte irgendwann herunter“, entgegnete Miray. „Und es tropfte…“

„…auf die Küchentheke“, knüpfte Silje an. „Richtig. Henrik stand gerade dort und schnitt Limetten für die Cocktails, als er es bemerkte und mich zu sich winkte. Da lagen schon ein paar dicke Tropfen auf der Arbeitsplatte. Irgendwann hätte einer von euch es auch gesehen. Was sollten wir machen? Wegwischen hätte nichts gebracht, weil das Blut immer weiter von der Decke tropfte.“

Miray klappte der Mund auf.

„Das Messer!“, rief sie. „Henrik schnitt sich selbst in die Hand, um die Tropfen auf der Arbeitsplatte mit seinem Blut zu überdecken. Wie raffiniert!“

Silje lachte. „Henrik ist so verknallt in mich, er würde alles für mich tun. Ich brauchte es nur anzudeuten. Er sah mich an. Und dann stieß er sich das Messer in die Handfläche.“

Mit einer Bewegung schwang sie ein unsichtbares Messer in ihre eigene Hand. Dann seufzte sie.

„Leider war er etwas zu gründlich. Nun, den Rest der Geschichte kennt ihr ja.“

Miray nickte. „Und schon hattet ihr das nächste Problem, nicht wahr? Magnus brachte Henrik ins Krankenhaus, du hast ihn natürlich begleitet. Sondre fuhr mit euch, da die Party sowieso gelaufen war. Das Auto von Magnus war voll, und für den VW gab es keinen Fahrer, der noch nüchtern war. Also mussten Dian und ich hier zurückbleiben, alleine, mit einer Leiche im Schlafzimmer.“

„Ja. Das war mir zu riskant. Also sagte ich Magnus, ich hätte meine Handtasche in der Hütte vergessen, und ging noch einmal schnell zurück. Ihr wart gerade im Vorratsraum mit euch beschäftigt. Ich nutzte die Gelegenheit, schloss die Tür und zog die kaputte Klinke heraus. Dann fuhren wir los.“

Sie schmunzelte kurz. „Ihr wart völlig zugedröhnt und habt kaum noch was mitbekommen. Vermutlich seid ihr da drin sofort eingepennt, als das Licht ausging.“

„Verstehe“, sagte Miray ernst. „Später kamst du mit dem Taxi zurück, um Lars Leiche im See zu versenken, die Spuren zu beseitigen und uns dann aus dem Lagerraum zu lassen. Aber als du Licht in der Hütte gesehen hast, wusstest du, dass wir uns selbst befreien konnten.“

„Zum Glück wart ihr total verpeilt und wusstet nichts mehr. Ich fühlte mich sicher. Zu sicher.“

Verlegen sah sie uns an.

„Und jetzt? Was macht ihr jetzt mit mir?“

Miray schnaubte kurz. „Wir können dich nicht laufen lassen, Silje. Du hast einen Menschen umgebracht, auch wenn es vielleicht Notwehr war.“

Wir blieben die ganze Nacht bei Silje. Sie zog sich trockene Sachen an, während Miray auf sie aufpasste. Dann warteten wir, bis der Vermieter zur Hütte kam. Als er von dem Vorfall erfuhr, ging er sofort zu seinem Pickup und rief per Funk die Polizei.

Wir zogen uns in den Lagerraum zurück. Bei Tageslicht hatte er alles Bedrohliche verloren.

Miray stand an der Waschmaschine. Sie hatte sich einen der gelben Notizzettel besorgt und schrieb darauf.

„Wir können nichts mitnehmen, wenn wir aufwachen“, erinnerte ich sie.

„Ich weiß.“ Sie steckte den Zettel in ihre Tasche. „Das ist eine Nachricht an mein Alter Ego. Sie soll sich besser benehmen.“

„Wegen dem Video?“

Miray verzog das Gesicht. „Wegen allem.“

Dann schwenkte sie ihr Handgelenk mit dem grünen Kreis. „Lass uns verschwinden, bevor die Polizei aufkreuzt.“

Ich nickte, dann sah ich zum Klappfenster hoch. Es erinnerte mich daran, wie Miray mir geholfen hatte, dort herauszusteigen.

Eine Frage schoss mir in den Kopf.

„Als ich da rauskroch und nichts anhatte, hattest du da wirklich nicht geschaut?“

Miray lachte laut.

„Was denkst du von mir, Dian?“, fragte sie empört.

Sie legte ihre Hand auf den grünen Kreis und sah mich erwartungsvoll an. Ich nickte, dann tat ich es ihr gleich, und das dunkle Nichts brachte mich fort.

„Dian“, hörte ich eine Stimme. Mein Kopf tat weh. Ich blinzelte.

Ich war zurück im Keller meines Hauses, saß auf dem Boden. Das Licht war an. Mein Nachbar stand bei mir und hielt mir die Hand hin.

„Ist alles in Ordnung, Dian?“, fragte er. „Ich fand dich hier im Dunkeln. Du musst dir deinen Kopf an dem Rohr gestoßen haben.“

„Geht schon“, murmelte ich benommen und ließ mich von ihm hochhelfen. Dann rieb ich mir die schmerzende Stelle.

„Das wird ein ganz schönes Hörnchen“, sagte er und deutete auf meine Stirn. „Leg etwas Eis drauf, dann wird die Beule nicht zu schlimm.“

Ich nickte. „Das mache ich sofort.“

Auf dem Weg zurück in meine Wohnung blieb ich unvermittelt stehen. Ich musste schmunzeln. Denn erst jetzt fiel mir auf, dass Miray meine Frage eigentlich gar nicht beantwortet hatte.

Episode 8 „Die Hütte am See“ v1.0 vom 31. Oktober 2026