Tapas in València
Ein Telefon klingelte. Es war nicht meines.
Jemand nahm ab.
„Es tut mir leid, aber wir nehmen keine Tischreservierungen entgegen“, sprach eine gedämpfte Frauenstimme.
„Nein“, sagte sie, hörte eine Weile weiter zu. Dann: „Nein. Verstehen Sie, das hier ist eine Detektei!“
Ich blinzelte. Um mich herum stand das Mobiliar eines Büros, Aktenschränke und Zertifikate an der Wand, in der Ecke eine Zimmerpalme aus Plastik, grau vor Staub. Vor mir ein Schreibtisch, darauf ein Telefon, ein Laptop und meine Füße. Auf der anderen Seite zwei Stühle, bezogen mit schwarzem Lederimitat, wartend auf Klienten, die vermutlich mehr Probleme als Geld mitbrachten.
Mein erster Blick ging zum Handgelenk. Eine goldene Armbanduhr, die zu echt aussah, um echt zu sein, verdeckte mein Tattoo. Ich zog sie aus und fand zwei Striche darunter.
„Miray ist dann wohl auch da“, murmelte ich und grinste zufrieden.
Ich nahm die Beine vom Tisch. Die Rückenlehne meines Bürostuhls quietschte protestierend bei dem Versuch, mich aufrecht hinzusetzen. Offenbar mochte sie die liegende Position genauso gerne wie ich.
Vor mir auf dem Tisch machte sich eine Schreibunterlage breit, ebenfalls aus schwarzem Lederimitat. Daneben befand sich eine Box mit Stiften, eine mit Visitenkarten und eine Schachtel.
Ich zog eine Visitenkarte aus dem Stapel und las sie. Privatdetektiv stand dort, 17 Plaça de l’Espart, València als Anschrift. Darüber, in fett gedruckten Lettern, stand mein Name.
„Dian de las Tapas“, las ich laut.
Ich verzog das Gesicht. „Das klingt nicht nach einem Namen, mehr wie eine Vorspeise.“
Ich sah mir die Schachtel an. Turrón de Jijona war in roten Lettern darauf gedruckt. Ich öffnete sie und fand darin in lange Streifen geschnittene hellbraune Blöcke. Ich steckte mir einen in den Mund. Er schmeckte klebrig, nussig, süß wie ein Bad in Melasse.
Es klopfte an die Tür. Eine Frau trat ein. Vielleicht dreißig, zierlich, rundliches Gesicht, schulterlanges haselnussbraunes Haar, eine Brille auf der Nase, die sie wie eine Eule aussehen ließ. Keine Ahnung, wer sie war. Miray war sie nicht.
„Der Termin ist da“, sagte sie routiniert und deutete auf einen Wartebereich auf der anderen Seite der Tür.
„Danke, Señora“, sagte ich. Der Turrón klebte an meinen Lippen wie eine Zigarre.
Sie blieb wie angewurzelt stehen, drehte sich langsam zu mir um.
„Señora?“, wiederholte sie scharf. „Sind wir wieder bei Señora Montserrat?“
Sie verschränkte die Arme. „Was ist mit Clara? Oder deiner Torbellina?“
Ich räusperte mich. „Entschuldige, Clara. Der Termin soll hereinkommen.“
Mein Termin. Der Auftritt der Femme fatale. Das konnte nur Miray sein, dachte ich mir, und grinste breit.
Ich schob mir den Turrón in den anderen Mundwinkel, wischte die klebrigen Finger am Polster meines Stuhls ab, legte die Beine hoch und sah demonstrativ zum Fenster hinaus. Auf dem Balkon gegenüber stand ein Mann in Unterhose aus weißem Feinripp und hing seine Wäsche auf.
Die Tür ging auf, ich hörte Schritte.
„Hallo, Püppchen“, säuselte ich in einer maskulinen Stimme, die Humphrey Bogart neidisch gemacht hätte. „Lange nicht gesehen.“
Ein Räuspern.
„Kennen wir uns?“, brummte eine tiefe Männerstimme. „Oder warum nennen Sie mich Püppchen?“
Erschrocken drehte ich mich um, blickte in das Gesicht eines Mannes, etwa vierzig, Businessanzug, Hut, Aktenmappe, sein Gesicht so glatt rasiert wie eine Eisbahn. Mein Mund klappte auf, der Turrón krallte sich an meine Unterlippe.
Ich riss die Beine von der Fensterbank und setzte mich hastig aufrecht. Die Rückenlehne quietschte bedrohlich.
„Verzeihen Sie, Señor…“, stammelte ich und deutete auf einen Stuhl vor mir.
Er setzte sich hin, faltete seine Sonnenbrille zusammen und legte sie sorgfältig auf den Tisch.
„Gonzalo Herrera Pardo“, stellte er sich vor.
Dann sah er sich um, als wollte er sich vergewissern, dass wir wirklich unter uns waren.
Er beugte sich zu mir und sprach leise: „Ich komme zu Ihnen in einer heiklen Angelegenheit, Señor de las Tapas. Darf ich mit Ihrer absoluten Diskretion rechnen?“
Ich nickte eifrig. „Selbstverständlich, Señor Herrera. Diese Lippen sind versiegelt wie Cheops Grabkammer.“
Ich zog einen imaginären Reißverschluss vor meinem Mund zu.
Herrera verzog keine Miene.
Ich seufzte leise in mich hinein und sah meinen Klienten ernst an. „Worum geht es denn, Señor Herrera?“
Seine Finger trommelten kurz auf der Armlehne. Dann nickte er.
„Ich bin von den Tropas Ofensivas Nacionales de Tácticas Ocultas, einem Geheimdienst, der dem Ministerio de Defensa unterstellt ist.“
Er legte seine Tasche auf den Tisch.
„Unser Informant in der Türkei möchte uns einen Aktenkoffer mit wichtigen Dokumenten zukommen lassen. Sehr brisante Dokumente, die Fähigkeit zur Verteidigung unseres Landes steht auf dem Spiel. Wir wissen nicht, ob ein gegnerischer Geheimdienst ihm bereits auf der Spur ist. Deshalb dürfen wir keine Zeit verlieren, um den Koffer zu uns zu holen.“
Er öffnete die Tasche, zog zwei Papierstreifen heraus und warf sie auf meine Unterlage.
„Das sind Flugtickets nach Istanbul und zurück. Sie fliegen noch heute und treffen sich dort im Sky Coffee im Eingangsbereich des Flughafens mit unserer Kontaktperson. Er wird einen schwarzen Diplomatenkoffer bei sich haben. Sie sagen die Losung und bekommen den Koffer ausgehändigt.“
„Wie lautet die Losung?“, fragte ich.
Er nickte. „Sie werden fragen: ‚Verwenden Sie Zahnseide?‘ Er antwortet: ‚Nur wenn ich Zwiebeln gegessen habe.‘ Darauf antworten Sie: ‚Die grüne schmeckt erfrischend nach Menthol.‘“
„Verwenden Sie Zahnseide“, wiederholte ich. „Eine etwas merkwürdige Losung.“
„Das ist doch gerade der Sinn, Señor Tapas, dass der Gegner sie nicht einfach errät!“, schnauzte Herrera mich an. „Wenn Sie den Koffer haben, lassen Sie ihn unter keinen Umständen mehr aus den Augen. Sie nehmen den nächsten Flug zurück nach València. Wir treffen uns dann morgen um 12 Uhr hier in Ihrem Büro. Soweit verstanden?“
Ich nickte.
Er sah mich ernst an. Ein fester, kühler Blick. Der eines Mannes, der Spaß im Wörterbuch nachschlagen musste.
„Señor de las Tapas, ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die Sicherheit der Nation von Ihrem Erfolg abhängt. Sie dürfen sich keinen noch so kleinen Fehler leisten!“
„Ich fühle mich geschmeichelt, Señor Herrera.“ Ich nahm den Turrón aus dem Mund, suchte, fand jedoch keinen Teller und legte ihn auf der Schachtel ab. „Aber warum schicken Sie keinen Ihrer eigenen Leute?“
Herrera ließ seinen Blick noch einmal durch das Büro wandern, bevor er mit der Antwort herausrückte. „Es gab eine Panne. Hacker gelangten an eine Liste unserer Agenten. Wenn wir den Koffer selbst abholen, würde man uns am Flughafen erkennen und abfangen. Wir brauchen ein unbekanntes Gesicht für diese Transaktion. Was liegt näher, als einen Detektiv zu beauftragen, der für seine Zuverlässigkeit und Loyalität bekannt ist?“
Ich steckte den Turrón wieder in den Mund. „Und die Bezahlung?“
„Ach, richtig!“
Wieder öffnete er seinen Koffer, nahm ein Kuvert heraus und legte es neben die Flugtickets. „Wir zahlen großzügig. Für Ihre ersten Spesen finden Sie zweihundert Euro im Umschlag. Bei erfolgreichem Abschluss winken Ihnen zehntausend Euro. Ein netter Stundensatz, wenn Sie heute Abend losfliegen und morgen Mittag schon wieder zurück sind, nicht wahr?“
Ich sah in den Umschlag und fand vier Fünfzig-Euro-Scheine.
„Also nehmen Sie den Auftrag an, Señor Tapas?“
„Selbstverständlich!“ Ich stand auf und hielt ihm die Hand hin. „Sie können sich auf mich verlassen, Señor Herrera.“
Er drückte sie mir, und ich begleitete ihn zur Tür, wo er seinen Hut von der Garderobe nahm und aufsetzte. Er sah mich noch einmal an, nickte Clara stumm zu und verschwand.
Clara sah ihm hinterher, als könnte sie durch Mauern sehen.
„Was wollte der Mann?“, murmelte sie.
„Ein neuer Auftrag, Clara. Ich fliege heute noch nach Istanbul und bin morgen Mittag zurück.“
Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Ich hoffe, er zahlt gut“, sagte sie. „Einen neuen Auftrag können wir dringend gebrauchen.“
Sie deutete auf eine Tür neben ihrem Schreibtisch. Gut versteckt, verschlossen, in der dunklen Ecke kaum zu sehen.
„Soll ich für dich packen? Für eine Nacht brauchst du ja nicht viel.“
„Ich wohne hier?“, rutschte es mir heraus.
Clara sah mich besorgt an. „Wenn du nicht heimlich eine andere Bleibe hast“, sagte sie langsam. „Du wolltest doch Miete sparen.“
Ich lachte verlegen. „Der Fall bringt mich ganz durcheinander, Clara.“
Ihr besorgtes Gesicht wich nur langsam einem seichten Lächeln.
Sie sah zur Seite, ihr Blick fiel auf ein Bündel Briefe.
„Ach ja“, sagte sie und reichte es mir. „Der Briefträger hat wieder einmal die Post für Toño hiergelassen. Kannst du sie ihm runterbringen, während ich für dich packe?“
Ich nickte. Wer dieser Toño war, traute ich mich nicht mehr zu fragen. Ich beschloss, es selbst herauszufinden. Schließlich war ich Detektiv.
Eine schmale Treppe führte hinab ins Erdgeschoss und direkt zu einer Haustür. Graues Holz, von dem bereits der Lack abblätterte. Über der Tür war ein trübes Oberlicht, auf dem die Hausnummer spiegelverkehrt zu lesen war. Eine Tür zu Toños Wohnung fand ich nicht.
Ich trat hinaus und stand in einer schmalen Gasse. Alte Gebäude in warmen Erdtönen lehnten sich dicht aneinander und warfen gerade genug Schatten, um die sengende Sommerhitze erträglich zu machen. Ein leichter Wind zog durch die Straße. Er brachte nichts Frisches mit sich, nur den Geruch von heißem Stein, Kaffee und etwas Gegrilltem.
Gleich neben der Haustür entdeckte ich den Eingang eines kleinen Restaurants. Unter einer Markise standen zwei verlassene Tische auf dem Gehweg und warteten auf Gäste.
Über dem Eingang hing ein Holzbrett. In roter Schrift stand darauf nur ein Wort: Tapas.
Ich trat ein. Hinter der Bar stand ein Mann, schwarzes Haar, gepflegter Schnurrbart. Die Kleidung, nicht zu elegant, nicht zu sportlich, verriet mir, dass ihm der Laden gehörte. In der linken Hand hielt er eine Tafel, mit der rechten schrieb er mit Kreide das Angebot des Tages darauf.
„Toño?“, fragte ich vorsichtig.
Er sah mich an, seine Mundwinkel bogen sich nach oben und er stellte die Tafel zur Seite.
„Dian“, rief er und winkte mich her. „Was führt dich zu mir?“
Ich wedelte mit dem Briefbündel. „Ich habe was für dich!“
„Meine Post? Nicht schon wieder!“
Er blätterte durch die Umschläge und überflog die Absender.
„Das geht so nicht weiter, Dian“, murmelte er. „Eine Bar und eine Detektei im selben Haus, die beide ‚Tapas‘ heißen, das ist eine zu viel. Du wirst deinen Laden zumachen müssen.“
Ich lachte laut. „Ich weiß nicht, was Clara davon halten würde.“
„Torbellina? Sie könnte sofort bei mir anfangen.“ Toño schmunzelte. „Wo du gerade hier bist, magst du einen Café de Olla probieren?“
Ich stutzte. „Was ist das?“
„Es ist ein Rezept aus Mexiko, das ich gefunden habe. Lass dich überraschen!“
„Eigentlich muss ich zum Flughafen.“ Ich zögerte. „Aber jetzt bin ich neugierig.“
Toño nickte zufrieden. Eine Minute später stand eine kleine Tontasse vor mir, die intensiv nach Zimt duftete.
Es war fast Mitternacht, als ich in Istanbul die Einreiseformalitäten hinter mich gebracht hatte und durch die riesigen Hallen des Flughafens schlenderte. Die Luft trug den Geruch von Kaffee, Putzmitteln und das leise Summen der Beleuchtung. Müde Reisende und geschäftiges Flughafenpersonal bewegten sich durch die Nacht, als hätten sie alle noch ein Ziel, nur ich nicht. Die Hallen und langen Gänge, sie wirkten wie ein Labyrinth aus Licht und Schatten, in dem sich das Gemurmel der Menschen mit dem Rattern der Gepäcktrolleys vermischte.
In der Nähe eines Eingangs fand ich den vereinbarten Treffpunkt. Das Sky Coffee war eingerahmt von großen, verschiebbaren Fensterscheiben, die nicht den Eindruck machten, als würden sie jemals geschlossen. Die meisten Tische standen leer, nur wenige Gestalten warteten hier auf ihren Flug oder auf etwas anderes.
Im hinteren Teil zog sich eine breite Theke entlang, gehalten in warmen Holztönen vor einem himmelblauen Hintergrund. Die Vitrine war gefüllt mit belegten Broten, Kuchen und Salaten. Dahinter saß ein Verkäufer auf einem Hocker. Er wartete auf Kundschaft und verlor dabei langsam den Kampf gegen die Müdigkeit.
An einem Tisch saß ein Mann mit asiatischem Aussehen. Er war in seine Arbeit vertieft und tippte eifrig auf seinem bunt beklebten Laptop, während eine halbleere Tasse Kaffee neben ihm kalt wurde. An einem anderen Tisch saß ein junges Paar. Ihre prall gepackten Wanderrucksäcke verrieten mir, dass sie Touristen waren.
In einer Ecke entdeckte ich schließlich einen Mann. Ziegenbart, schwarzer Anzug. Auf seinem Tisch standen ein halbes Dutzend leere Tassen Kaffee und zwei Teller, auf denen nur noch das Besteck, eine zerknüllte Serviette und ein paar Krümel lagen. Neben ihm stand ein schwarzer Diplomatenkoffer. Als ihm auffiel, dass ich ihn bemerkt hatte, winkte er mich hastig zu sich.
Ich ging zu ihm und lächelte ihn vorsichtig an. „Verwenden Sie Zahnseide?“, begann ich mit der Losung.
„Lassen Sie den Unsinn“, knurrte er unwirsch. „Es ist klar, dass Sie es sind. Wer sonst würde mich um diese gottlose Stunde in einem Flughafencafé ansprechen?“
Er nahm den Koffer, stand auf und drückte ihn mir in die Arme.
„Hier, nehmen Sie das Ding endlich. Und achten Sie darauf, dass der Inhalt nicht nass wird.“
Er nickte kurz und murmelte ein „Kolay gelsin!“ – möge es dir leichtfallen. Kein Lächeln, als wüsste er schon, dass es anders kommen würde. Dann verließ er das Café.
Verblüfft sah ich ihm hinterher. Die Übergabe lief nicht gerade wie vereinbart, aber was machte das schon? Ich hatte den Koffer in der Hand, damit war dieser Teil der Aufgabe erledigt.
Als Nächstes würde ich mir etwas zu essen holen und dann ein paar Stunden Schlaf im Flughafenhotel finden, bevor morgen früh mein Flug nach València ging.
Der Auftrag lief so glatt wie ein Stück Seife in der Dusche.
Mein Magen knurrte, aber hier im Café lachte mich nichts wirklich an. Also nickte ich dem Mann hinter dem Tresen zum Abschied zu und wollte gerade gehen, als er mir hinterherrief.
Ich sah ihn fragend an.
„Der Herr, mit dem Sie eben sprachen… Er sagte, Sie würden für ihn bezahlen.“
Ich sah zur Tür, durch die der Mann eben verschwand, und schüttelte fassungslos den Kopf. Dann zahlte ich die Rechnung und ging.
Ich irrte noch eine Weile durch den Flughafen, bis ich irgendwo ein reichhaltig belegtes Lahmacun fand. Satt betrat ich das Hotel und buchte ein Einzelzimmer. Von meinem Spesenvorschuss blieb danach kaum mehr als die Erinnerung.
Am nächsten Morgen holte ich mir ein schnelles Frühstück auf die Hand und reihte mich danach in die Schlange vor dem Check-in-Schalter ein. Endlich kam ich an die Reihe, legte meinen Pass und das Flugticket vor.
Die Frau vom Schalter blätterte gelangweilt durch die Dokumente.
„Wie viele Gepäckstücke?“, fragte sie.
„Nur meinen Rucksack und den Koffer.“
Sie blickte mich über den Rand ihrer Brille an. „In Ihrem Ticket ist nur ein Handgepäckstück enthalten, Mister Tapas. Den Koffer müssen wir Ihnen berechnen.“
Daran hatte ich gar nicht gedacht. Als ich nach Istanbul aufbrach, hatte ich nur den Rucksack mit, den Clara mir gepackt hatte. Jetzt hatte ich zusätzlich einen Koffer bei mir, der zu groß war, um ihn in den Rucksack zu stopfen.
„Den Koffer möchte ich eigentlich nicht aus der Hand geben“, knurrte ich.
Sie warf einen abschätzigen Blick auf meinen Rucksack. „Sir, glauben Sie mir, wenn Sie stattdessen dieses verschlissene Stück aufgeben, bekommen Sie es in València in Einzelteilen zurück. Geben Sie den Koffer auf. Er wird schon nicht wegkommen.“
„Aber der Koffer…“
Verzweifelt sah ich den Mann hinter mir an. Hoffte auf Unterstützung. Passagiere gegen Airline. Er warf mir stattdessen einen verärgerten Blick zu und deutete auf seine Armbanduhr.
„Sir“, sagte die Frau am Schalter, „so kommen wir nicht weiter, und der Flug hat schon Verspätung. Entweder Sie geben den Koffer auf und zahlen für das Übergepäck, oder Sie bleiben hier. Ihre Wahl. Aber entscheiden Sie sich jetzt.“
Ich seufzte und stellte den Koffer auf das Band. Sie nickte erleichtert, befestigte einen Aufkleber am Griff und klebte den Kontrollabschnitt auf mein Ticket. Für den fälligen Aufpreis reichte mein Vorschuss nicht mehr. Ich griff in meine Tasche und schob das restliche Geld hinterher. Der Koffer rollte von der Gepäckwaage und verschwand hinter einem Vorhang, wie eine Entscheidung, die man nicht mehr zurücknehmen konnte.
Mit einer knappen Stunde Verspätung landete die Maschine in València. Ich brachte die Passkontrolle hinter mich und eilte zur Gepäckausgabe. Nach wenigen Minuten fuhr das Band an. Zum Glück brauchten die Eingeweide des Flughafens nicht lange, bis sie den Koffer ausspuckten.
Ich zog ihn vom Band, dann warf ich einen Blick auf die Uhr. Die Zeit wurde wirklich knapp, nun durfte nichts mehr dazwischenkommen.
Es war fünf nach zwölf, als ich die Detektei erreichte. Herrera wartete bereits dort und unterhielt sich mit Clara. Ihr besorgter Gesichtsausdruck verwandelte sich in Erleichterung, als sie mich durch die Tür kommen sah.
Herrera sah mich ernst an. „Da sind Sie ja endlich“, knurrte er.
Als er den Koffer in meiner Hand bemerkte, besserte sich seine Laune ein wenig.
Ich winkte ihn in mein Büro und schloss die Tür hinter uns. Dann bot ich ihm einen Platz an, setzte mich gegenüber, steckte mir einen Turrón in den Mund und hielt Herrera die Schachtel hin. Er hob nur ablehnend die Hand. Schulterzuckend schloss ich die Schachtel und steckte sie ein.
Er deutete auf den Koffer. „Wie ich sehe, waren Sie erfolgreich.“
Ich nickte stolz. „Ja, war gar kein Problem.“
Herrera langte nach dem Gepäckstück, aber ich zog es weg.
„Lassen Sie uns erst über die Bezahlung reden.“
Er sah mich ungehalten an. „Das habe ich nicht vergessen, Señor Tapas. Sie können mir die Rechnung mitgeben. Die Agentur wird den Betrag dann überweisen.“
„Überweisen?“ Ich stutzte.
Er lachte kurz und abfällig. „Natürlich, was denn sonst? Dachten Sie, wir machen das unter der Hand? Ich brauche eine Rechnung, sonst gibt es kein Geld. Anweisung aus der Buchhaltung.“
Nervös kaute ich am Turrón. Es klang plausibel, was Herrera sagte. Schließlich darf man heute auch keinen Neuwagen mehr bar bezahlen. Trotzdem fühlte es sich nicht richtig an.
Ich gab nach. „Na gut, ich werde Torbellina bitten, die Rechnung fertig zu machen.“
„Torbellina?“
Herrera sah mich irritiert an.
„Meine Sekretärin.“
„Ah“, sagte er nur, dann deutete er auf den Koffer. „Darf ich jetzt endlich?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er ihn und stellte ihn sich auf den Schoß. Dann begann er, eine Kombination am Schloss einzustellen.
Selbstzufrieden beobachtete ich ihn dabei. Der Fall war gelöst, und das ohne Mirays Hilfe. Sie wäre sicher stolz auf mich. Das heißt, falls wir uns vor dem Aufwachen noch treffen sollten.
Ich zog meine Uhr aus und warf einen Blick auf das Handgelenk. Zwei Striche, nach wie vor, aber kein grüner Kreis. Ich schüttelte die Hand, als hätte das Tattoo eine versteckte Mechanik, die sich bloß verklemmt hatte.
„Verdammt“, fluchte Herrera. „Das verfluchte Schloss will einfach nicht aufgehen.“
Er zog ein solides Klappmesser aus seiner Innentasche und bearbeitete damit die Schnallen. Mit einem lauten Knacken gaben sie schließlich nach und sprangen auf. Zufrieden nickte er und steckte das Messer wieder ein.
Dann öffnete er den Koffer.
Das Funkeln in seinen Augen verschwand. Die Mundwinkel sackten ab. Er schob seine Hand durch den Inhalt, erst zaghaft, dann immer hektischer. Mehrere Socken fielen an der Seite heraus. Schließlich drehte er den ganzen Koffer um und schüttelte ihn. Noch mehr Wäsche, eine Tube Zahncreme und ein Bündel silberfarbener Duschhauben verteilten sich über den Tisch.
Herrera ließ den Koffer fallen und schlug die Hände auf den Tisch.
„Wollen Sie mich verarschen, Tapas?“
Er atmete tief durch, sah sich um, beruhigte sich etwas.
„Jetzt haben wir ein Problem, Tapas. Und ich hasse Probleme!“, mahnte er. „Wo ist der richtige Koffer?“
Ich starrte auf den Haufen Zeug auf meinem Tisch. Nach Geheimdokumenten sah es tatsächlich nicht aus.
„Ich verstehe das nicht“, murmelte ich. „Das kann nicht sein!“
„Kann nicht sein?“ Herrera deutete auf den Stapel. „Sie sehen doch selbst, dass das nicht der richtige Koffer ist.“
„Aber ich habe alles so gemacht, wie Sie gesagt haben“, protestierte ich.
Er ließ sich in den Stuhl fallen. Atmete tief. Rieb sich den Hinterkopf. Dachte nach.
Nach einer Weile nahm er eine meiner Visitenkarten und schrieb etwas auf die Rückseite.
„Besorgen Sie den richtigen Koffer, und zwar sofort! Wenn Sie ihn haben, rufen Sie mich an.“
Er drückte mir die Karte in die Hand. Auf der Rückseite stand eine Handynummer.
„Und ich rate Ihnen, Tapas: Setzen Sie Ihren Arsch in Bewegung. Sie möchten nicht herausfinden, was passiert, wenn Sie noch mehr meiner Zeit verschwenden.“
Er erhob sich und knöpfte den Anzug zu. Dann warf er noch einen kurzen, missbilligenden Blick auf das Chaos auf meinem Schreibtisch, bevor er wortlos das Büro verließ und die Zwischentür hinter sich zuschlug.
Ich lehnte mich in den Stuhl zurück, starrte aus dem Fenster und seufzte. „Immerhin erklärt das den fehlenden grünen Kreis“, grummelte ich.
Die Zwischentür wurde wieder geöffnet und Clara trat ein. Sie sah mich besorgt an. Dann fiel ihr Blick auf den Haufen Wäsche, der auf dem Tisch ausgebreitet lag.
„Ist alles in Ordnung, Dian?“
Ich nickte. „Es gab eine kleine Reklamation.“
Einen Moment lang betrachtete ich meine Visitenkarte mit seiner Nummer darauf, dann steckte ich sie ein.
Clara hob den Koffer vom Boden auf und begann, die Sachen wieder einzuräumen. Ich beobachtete sie dabei. Aber meine Gedanken kreisten darum, wie ich aus der Patsche kommen sollte, in der ich gerade knietief steckte.
Es gab nur eine Lösung.
„Clara, ich brauche deine Hilfe. Ich muss unbedingt eine Frau finden.“
Sie fing sofort an zu strahlen.
„Ich habe schon gedacht, du fragst nie! Zufällig habe ich genau die richtige für dich: Marta. Sie hat gerade mit ihrem Mechaniker Schluss gemacht und sucht nun einen Mann, der sich nicht für Motoren interessiert. Und dein Foto fand sie super.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich suche eine ganz bestimmte Frau. In meinem Alter, attraktiv, platinblond, blaue Strähnen, wilder Pixie, Augen wie zwei gefrorene Seen…“
Clara blinzelte.
„Wow“, sagte sie, „du hast aber sehr genaue Vorstellungen. Hast du es schon mal mit einer Partnervermittlung versucht?“
„Eine Partnervermittlung? Meinst du?“ Ich stutzte. „Ich dachte eher an einen Privatdetektiv.“
Sie schüttelte den Kopf, als ergäben meine Worte keinen Sinn. „Willst du dich jetzt selbst engagieren, oder wie soll das laufen?“
In dem Moment flog die Tür auf. Drei Polizisten stürmten herein und kamen direkt auf mich zu.
Der jüngste von ihnen trat vor. Er war nicht besonders groß, aber die dunkelblaue Uniform saß perfekt, sein kurz geschnittenes schwarzes Haar war militärisch akkurat und seine dunklen Augen musterten mich mit einer Mischung aus Professionalität und Entschlossenheit.
„Dian de las Tapas?“
Er hielt mir seinen Dienstausweis vor die Nase.
„Subinspector Torres. Ich muss Sie bitten, mich ins Kommissariat zu begleiten.“
Erschrocken riss ich die Augen auf.
„Was wird ihm vorgeworfen?“, fuhr Clara dazwischen.
„Das wird er früh genug erfahren“, antwortete Torres. „Aber ich möchte wirklich nicht in Ihrer Haut stecken, Tapas.“
Die beiden anderen Polizisten halfen mir aus dem Bürostuhl, drehten mir den Arm auf den Rücken, verpassten mir Handschellen und steckten mich in einen Streifenwagen, der vor dem Haus stand.
Etwa zwanzig Minuten später saß ich in einem engen Verhörraum, der mit seinen dunkelgrauen Wänden, dem Spotlicht und dem halbdurchlässigen Spiegel an der Wand aussah wie aus einem schlechten Fernsehkrimi.
„Warten Sie hier“, forderte Torres mich auf, als ob ich eine Wahl gehabt hätte. „Jemand wird gleich kommen und Sie verhören.“
„Habe ich nicht das Recht auf einen Anwalt?“, protestierte ich.
„Das entscheide nicht ich“, antwortete Torres gelassen, während er mir die Handschellen abnahm.
Ich ergab mich meinem Schicksal. Meine Hände klopften meine Taschen ab und fanden, was sie suchten. Ich zog eine Schachtel hervor.
„Was ist das?“, fragte Torres.
„Turrón“, antwortete ich knapp. Ich öffnete die Schachtel und hielt sie ihm hin.
Er lehnte ab. „Im Verhörzimmer dürfen Sie nicht essen!“
Kopfschüttelnd verließ er den Raum und schloss die Tür hinter sich.
Ich seufzte. Es war gerade mal eine Stunde her, als ich noch dachte, dass ich dieses Abenteuer bestanden hätte. Jetzt hing mir ein Geheimagent im Nacken und ich saß in diesem Zimmer fest, statt nach Miray und dem richtigen Koffer zu suchen.
Ich stand auf und trabte zum Spiegel. Wie viele Leute wohl gerade dahinter saßen und mich beobachteten? Ich hauchte gegen die Scheibe und malte einen Smiley in den Nebel.
Torres öffnete die Tür. Energisch deutete er auf den Stuhl. Dann sah er auf den Gang und winkte jemanden zu sich.
Eine Frau trat ein. Uniform einer Inspectora, Schirmmütze. Darunter blitzten kurze, platinblonde Haare mit blauen Strähnchen hervor.
„Miray!“, rief ich und lief zu ihr. „Endlich!“
Ich konnte nicht anders, als sie zu umarmen.
Torres sah uns verblüfft an. „Der letzte, der eine Inspectora so freudig umarmt hat, bekam von uns eine Übernachtung in der Ausnüchterungszelle spendiert“, murmelte er. „Kennst du ihn?“
Miray löste sich und zog sich ihr Polo zurecht. „Wir haben schon in ein paar Fällen zusammengearbeitet. Früher. In einem anderen Leben.“ Sie drehte sich zu Torres. „Kannst du uns einen Moment allein lassen?“
Er zögerte, musterte mich, als wäre ich ein verrückter Massenmörder.
„Wirklich, Inspectora?“, fragte er. Als Miray nickte, sah er mich mit zusammengekniffenen Augen an, bevor er zur Tür ging und sie von außen schloss.
Wir setzten uns an den Tisch. Miray legte den Zeigefinger auf ihren Mund und deutete auf das Mikrofon, das zwischen uns stand. Sie suchte einen Schalter, legte ihn um, und ein rotes Lämpchen erlosch.
„Jetzt können wir sprechen“, sagte sie.
Das war gut, denn ich hatte Fragen.
„Was soll dieser ganze Hokuspokus, Miray?“, schnaubte ich. „Wenn es um den verlorenen Koffer geht: Das war ein staatlicher Auftrag, nichts Illegales. Kein Grund, mich festzunehmen!“
„Was für ein Koffer?“ Miray lächelte verlegen. „Ich habe Subinspector Torres gebeten, dich ausfindig zu machen und hierher zu bringen. Er sollte dich bloß holen, nicht verhaften. Vielleicht hat er da etwas missverstanden.“
Sie öffnete eine kleine Flasche Mineralwasser, stellte sie mir hin und nahm sich selbst eine.
„Wie ich höre, warst du schon fleißig“, sagte sie. „Was für ein staatlicher Auftrag ist das? Und welchen Koffer hast du verloren?“
Dankbar nahm ich einen tiefen Schluck aus der Flasche. Dann ließ ich mich in den Stuhl sinken und stieß leise auf.
Ich erzählte Miray von der Detektei. Von Herrera, der mich beauftragt hatte, wichtige Dokumente aus Istanbul zu beschaffen. Davon, dass ich ihm offenbar den falschen Koffer gebracht hatte, und dass ich nun den richtigen auftreiben und Herrera dann anrufen sollte.
Miray wurde hellhörig. „Du hast seine Nummer?“
Ich nickte, zog die Visitenkarte aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch.
Sie sah sich die Karte an. Ein breites Schmunzeln lief über ihr Gesicht. „Du heißt Dian de las Tapas?“
„Seine Handynummer steht auf der Rückseite“, knurrte ich und kreiselte mit dem Finger.
Miray drehte die Karte um und warf einen Blick darauf. Dann legte sie sie vor sich auf den Tisch, schloss die Augen und tippte sich auf die Nasenspitze.
Lange.
„Weißt du was, Dian?“ Sie sah mich an. „Ich glaube, du bist der erste Schnüffler, der so freigiebig mit einem Bullen über seine Probleme plaudert.“
Sie rief Torres herein und bat ihn, den Eigentümer der Nummer zu ermitteln. Er verschwand und kehrte ein paar Minuten später mit einem Notizzettel in der Hand zurück.
„Sie ist auf einen Señor Gonzalo Herrera Pardo registriert“, sagte er.
„Hast du auch seine Adresse?“
Torres nickte. „So eine kleine Straße, draußen in Benimaclet. Fahren wir hin?“
„Ich will ja nicht die Party verderben“, unterbrach ich, „aber sollten wir nicht lieber den richtigen Koffer suchen?“
„Nur Señor Herrera weiß, was der richtige Koffer ist.“ Miray erhob sich und richtete sich ihre Mütze. „Also gehen wir ihm mal einen Besuch abstatten und fragen, was er überhaupt verloren hat.“
Torres parkte den Streifenwagen am Straßenrand. Die Straße war schmal und von alten, verwitterten Häusern gesäumt, deren Fassaden in der Nachmittagssonne blass wirkten. Wir stiegen aus und gingen sie langsam hinunter, suchten nach der Hausnummer.
Doch wir fanden sie nicht. An der Stelle, wo das Haus stehen sollte, klaffte eine breite Lücke. Ein rostiger Bauzaun umgab das Grundstück, dahinter lag ein Trümmerfeld aus zerbrochenen Ziegeln, verrosteten Metallteilen und wild wucherndem Unkraut. Ein paar vertrocknete Pflanzen kämpften sich durch den Schutt, als wollten sie das verlassene Gelände zurückerobern.
„Natürlich“, seufzte Miray. „Das wäre auch zu einfach gewesen.“
Torres starrte auf seinen Notizzettel und rieb sich den Hinterkopf. „Ich verstehe das nicht, Inspectora. Die Adresse stimmt ganz sicher.“
Sie nickte. „Wie es aussieht, hat Herrera damit gerechnet, dass wir ihn aufsuchen werden.“
Wir blickten uns um. Die Straße wirkte verlassen, abgehängt von der Stadt. Auf der anderen Seite lehnte ein alter Mann auf einem Fensterbrett und beobachtete uns neugierig.
Als Miray ihn bemerkte, verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. Er nickte uns freundlich zu.
Miray ging zu ihm.
„Wir suchen Señor Herrera“, sagte sie. „Eigentlich sollte das hier seine Adresse sein.“
Der Mann hob eine Augenbraue. „Herrera?“
Er dachte für einen Moment nach, dann fing er an zu lachen. „Ach, Gonzalo!“
„Er wohnt nicht mehr hier?“, hakte Miray nach.
„Sieht nicht so aus.“ Der Alte schüttelte langsam den Kopf. „Schon lange nicht mehr.“
„Wissen Sie, wo wir ihn finden?“
Mit ernster Miene musterte er Miray, dann Torres, dann mich. Sein Grinsen kehrte zurück, diesmal war es schmaler.
„Sie wollen ihn wirklich besuchen? Das wird ihm sicher gefallen.“
Dann begann er, uns den Weg zu beschreiben.
Die Luft roch nach Stein und kalter Feuchtigkeit. Unsere Schritte hallten zwischen den Wänden wider. Irgendwo in der Ferne sprach ein Mann leise vor sich hin. Seine Stimme war monoton, ohne Pause. Sie verlor sich, bevor sie einen Sinn ergeben konnte.
„Da haben wir Herrera“, sagte Miray und ließ die Schultern sinken.
„Kein Zweifel“, stimmte Torres zu, „das ist er.“
Betreten sahen wir auf eine Steintafel an der Wand. Gonzalo Herrera Pardo stand darauf, in Lettern aus schwarzem Gusseisen. Die restliche Inschrift verriet uns, dass er stolze 95 Jahre alt geworden war, bevor er vor drei Jahren in diesem Kolumbarium seine letzte Ruhe fand.
„Die Prepaidkarte läuft auf einen Toten“, sagte Torres zerknirscht. „Ich hätte es mir denken können.“
Miray nickte.
„Leider wissen wir jetzt noch weniger über deinen mysteriösen Auftraggeber, Dian.“
Ich starrte immer noch auf die Tafel. Der Señor Herrera, den ich kannte, war ganz sicher jünger, und vor allem war er quicklebendig.
„Immerhin haben wir seine Nummer“, sagte ich und zog mein Handy aus der Tasche.
„Du willst ihn anrufen?“ Miray drückte meine Hand zur Seite. „Und was willst du ihm sagen?“
„Dass ich weiß, dass er nicht Herrera ist.“
Sie ließ meine Hand los und schüttelte den Kopf.
„Wir sind ihm gerade einen Zug voraus. Den Vorsprung sollten wir nicht verspielen. Von welcher Organisation war er, hast du gesagt?“
„Er sagte, er sei von den Tropas Ofensivas Nacionales de Tácticas Ocultas“, antwortete ich.
Torres runzelte die Stirn. „Nie von denen gehört“, knurrte er und zuckte mit den Schultern.
Miray sah einen Moment ins Leere. Dann prustete sie los. Ein Lachen, das viel zu laut war für diesen Ort. Eine Frau an einer anderen Grabnische warf uns einen strengen Blick zu.
Miray holte tief Luft und räusperte sich, sichtlich bemüht, wieder ernst zu werden.
„Tropas Ofensivas Nacionales de Tácticas Ocultas“, wiederholte sie langsam. „Oder kurz: T.O.N.T.O. – Dummkopf.“
Sie legte ihren Arm um meine Schulter und zog mich zu sich.
„Dian, da hat dich jemand nach allen Regeln der Kunst reingelegt.“
Es dämmerte bereits. Die Stadt wirkte müde, als hätte sie beschlossen, heute nichts mehr von uns zu verlangen. Wir fuhren zurück zum Kommissariat und verabschiedeten uns von Torres. Kein Händedruck, nur ein kurzer Blick. Er wusste, dass wir nun allein klarkommen mussten.
„Treffen wir uns morgen wieder hier?“, fragte ich Miray.
„Du gehst nach Hause?“
„So ähnlich.“ Ich wackelte mit dem Kopf. „Im Büro habe ich ein kleines Schlafzimmer. Eine Matratze, eine Zahnbürste, das wird bis morgen reichen.“
„Nein.“
Mehr sagte sie erst einmal nicht.
Dann verzog sie den Mund. „Solange wir nicht wissen, wer Herrera wirklich ist, bist du im Büro nicht sicher. Außerdem…“
Sie griff kurz nach meinem Ärmel, ließ ihn sofort wieder los.
„Außerdem ist es besser, wenn wir zusammenbleiben. Ich möchte nicht wieder ganz València nach dir absuchen lassen.“
Ich nickte. Das klang sachlich. Logisch. Typisch Miray. Aber ich kannte sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass das nicht alles war.
Überreden brauchte sie mich nicht.
Wir erreichten ein modernes Wohngebäude etwas außerhalb des Stadtzentrums. In der vierten Etage blieben wir vor einer Wohnungstür stehen. Miray schloss auf, während ich die Tüte mit unserem Abendessen trug, das wir uns an einem Imbiss in der Nähe besorgt hatten.
Sie schaltete das Licht an und ließ mich zuerst eintreten. Ein kleiner Flur empfing mich. Er bot gerade genug Platz für eine Garderobe und ein Schuhschränkchen zwischen den Türen, die in weitere Zimmer führten.
Natürlich wohnte Miray nicht wirklich hier, sondern ihr Alter Ego aus der Traumwelt. Sie hatte die Adresse auf ihrem Ausweis gefunden, den Schlüssel in der Tasche. Alles daran war bloß geborgt.
Trotzdem war der Duft nicht fremd, nicht wie bei einem Besuch in einer unbekannten Wohnung. Es roch vertraut, warm, willkommen. Für einen Moment fühlte es sich tatsächlich so an, als würde ich Miray besuchen. Nicht ihre Rolle, nicht die Inspectora in dieser Welt, sondern sie selbst.
Neugierig sah ich mich um. Das Wohnzimmer war modern eingerichtet. Die Stehlampe neben der mit anthrazitfarbenem Stoff bezogenen Couch sorgte für gemütliches, indirektes Licht. Ein großer, runder Esstisch mit vier Stühlen stand daneben. Dahinter begann die offene Küche, vorne eine Bar, hinten eine breite Küchenzeile.
Ich stellte die Tüte auf den Tisch und ging zum Balkonfenster. Gegenüber lag ein Park, dahinter weitere Häuser mit erleuchteten Fenstern.
„Eine schöne Wohnung“, bemerkte ich. „Die Aussicht ist fantastisch.“
Miray blieb in der Küche und suchte in den Schränken nach Tellern und Besteck.
„Mhmm“, machte sie. „Von hier hinten gefällt mir die Aussicht noch besser.“
Sie fand Gläser und Teller im Schrank und stellte sie auf die Bar.
„Was magst du trinken, Dian? Im Kühlschrank steht genug Bier, aber Limo ist auch da.“
„Limo ist fein.“ Ich stellte die Teller auf den Tisch und legte die beiden in Fladenbrot gefüllten Kebabs darauf. „Ich glaube nicht, dass wir dafür Besteck brauchen.“
Sie brachte die Gläser und eine Flasche Cola, dann setzte sie sich neben mich.
„Das ist tatsächlich mein erster Döner“, sagte sie und betrachtete ihn einen Moment lang fast ehrfürchtig. „Riecht auf jeden Fall vielversprechend.“
„Echt?“, fragte ich mit vollem Mund und schluckte hastig den Bissen herunter. „Was isst du denn sonst so? Pizza? Burger?“
Sie lachte leise. „Nein, sowas eher nicht. Wenn ich Lust habe, koche ich mir etwas. Aber meistens esse ich in der Kantine.“
Mit den Fingern zog sie ein Stück Fleisch aus dem Fladenbrot, musterte es kurz und steckte es sich in den Mund.
„Kantine“, wiederholte ich. „Also arbeitest du in einem Büro?“
„Ja. Als Aktenmaus in der Buchhaltung. Nichts Spannendes.“
Ein ganzer Bissen verschwand in ihrem Mund. „Zugegeben“, nuschelte sie, „das schmeckt schon ziemlich geil.“
Ich musste schmunzeln. Dieser Ausdruck passte so gar nicht zu ihr.
Wir aßen weiter, während ich Miray von Istanbul erzählte. Von dem Mann, der mir entnervt den Koffer in die Hand gedrückt hatte und dann verschwand, ohne seine Caférechnung zu bezahlen. Vom Treffen mit Herrera. Davon, wie er den Koffer auf meinem Schreibtisch ausleerte. Und wie Torres schließlich mein Büro stürmte und mich festnahm.
Als wir fertig waren, zog ich die kleine Schachtel aus meiner Jackentasche, schob mir einen Turrón in den Mund und wischte mir die Finger an der Hose ab. Miray beobachtete jede meiner Bewegungen.
„Egal, was das ist“, sagte sie trocken, „du solltest davon runterkommen.“
Ich hielt ihr die Schachtel hin. „Probier erst mal!“
Sie wedelte abwehrend mit dem Finger. „Ein Tee wäre mir jetzt lieber. Magst du auch einen?“
Ich nahm das Angebot gerne an. Sie ging in die Küche und suchte in den Schränken und Schubladen, bis sie eine kleine Teesammlung entdeckte.
„Ah, Fenchel!“ Sie sah zu mir. „Und du?“
Ich überlegte kurz. „Ist auch Kamille da?“
„Du hast Glück.“ Sie hielt eine Schachtel hoch. „Letzter Beutel.“
Sie setzte Wasser auf und hängte die Beutel in die Tassen. Dann lehnte sie sich gegen die Kochinsel und tippte sich grübelnd an die Nase.
„Warum ist es der falsche Koffer?“, fragte sie.
Ich knurrte. „Das kann eigentlich nur der Typ in Istanbul gewesen sein. Vielleicht wollte er Herrera reinlegen und nutzte aus, dass ich nur der Bote war und den Inhalt nicht kontrollieren konnte.“
Miray nickte, aber überzeugt sah sie nicht aus. „Hast du seinen Namen? Ein Foto?“
„Nein.“
„Irgendwie musst du ihn doch erkannt haben.“
„Wir hatten eine Losung vereinbart. Aber er war auch der Einzige im Café mit einem Diplomatenkoffer.“ Ich zögerte. „Meinst du, wir sollten nach Istanbul und ihn suchen?“
Miray lachte kurz. „Wenn du mich in ein Flugzeug kriegen willst, musst du mich vorher bewusstlos schlagen.“
In Gedanken versunken griff sie nach den Teebeuteln, zog sie ein Stück hoch und ließ sie wieder in die Tassen sinken.
„Du hattest den Koffer die ganze Zeit bei dir?“
„Ja, so wie Herrera es mir aufgetragen hat.“
„Auch im Hotel?“
„Einzelzimmer. Die Tür war abgeschlossen. Der Koffer stand gleich neben meinem Bett.“
„Und sonst? Keinen Moment aus den Augen gelassen?“
„Ja.“
Ich hielt inne.
„Na ja, fast. Beim Check-in musste ich ihn aufgeben, sonst hätten sie mich nicht an Bord gelassen. In València habe ich ihn aber direkt wiederbekommen.“
Miray legte den Kopf schräg. „Ich glaube nicht, dass jemand vom Flughafen oder von der Airline dahintersteckt. Wenn sie dein Gepäck haben wollten, hätten sie es einfach verschwinden lassen können. Das wäre leichter gewesen.“
Das Rasseln der Eieruhr ließ uns zusammenzucken. Miray nahm die Teebeutel aus den Tassen und legte sie in eine Schale. Dann öffnete sie einen Schrank, schloss ihn wieder, öffnete den nächsten.
„Verdammt“, murmelte sie. „Wo ist das Tablett?“
Ich sah sie an. „Warum brauchst du für zwei Tassen ein Tablett?“
Sie hielt inne. Sah auf die Tassen, dann verlegen zu mir.
„Stimmt“, sagte sie leise und brachte den Tee an den Tisch. Er verbreitete einen wohligen Kräuterduft.
Ich nahm einen Schluck, doch etwas stimmte nicht.
„Miray?“ Ich hielt ihr meine Tasse hin. „Ich glaube, ich habe deinen Tee erwischt.“
Sie schnupperte an ihrer Tasse, dann nickte sie und stellte sie mir hin. „Ich muss die Tassen verwechselt haben. Sie sehen völlig gleich aus.“
Dann erstarrte sie. Die Augen wurden groß, dann schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Dian!“ Sie sah mich an. „Kann es sein, dass du an der Gepäckausgabe versehentlich einen Koffer vom Band genommen hast, der nur so aussah wie deiner?“
Mir klappte der Mund auf.
Vor meinem inneren Auge stand ich wieder am Gepäckband. Ein Warnlicht blinkte, dann setzte es sich ruckelnd in Bewegung. Ein paar Hartschalenkoffer kamen an mir vorbei, ein Kinderbuggy, eine Sporttasche, dann bereits der schwarze Diplomatenkoffer. Ich nahm ihn, warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr, fluchte leise über die Verspätung und eilte los.
Ich nickte langsam. „Absolut möglich, Miray!“
Sie ballte die Fäuste und machte eine kleine, stumme Triumphgeste.
„Dann hat dessen Besitzer sicher deinen Koffer an sich genommen“, sagte sie. „Auf dem Etikett am Griff müsste sein Name stehen. Hast du es noch?“
Ich lächelte verlegen. „Nein. Das hatte ich entfernt und zusammen mit dem Ticket am Flughafen weggeworfen.“
Sie dachte einen Moment nach. Dann erschien dieses kleine, selbstsichere Grinsen.
„Macht nichts. Wir fahren morgen zum Flughafen und fragen bei der Airline nach. Als Inspectora werde ich wohl Antwort bekommen.“
Nachdem wir den Tee ausgetrunken hatten, räumten wir den Tisch ab und zogen uns auf das Sofa zurück.
Schweigend saßen wir nebeneinander und starrten Löcher in die Luft.
„Hey, Dian“, sagte Miray plötzlich. „Lust auf ein wenig Nahkampf? Nur wir zwei?“
Ich sah sie mit hohlem Blick an. Wusste nicht, ob sie es so meinte, wie ich es verstanden hatte.
„Ich verspreche dir, ich nehme dich nicht zu hart ran“, setzte sie nach.
Mein Herz tuckerte los wie ein Schiffsdiesel. Würde sie mich als Nächstes ausziehen oder verhauen? Sollte ich doch besser im Büro übernachten?
Sie lachte und deutete auf eine Spielkonsole, daneben ein Stapel Spiele. „Da liegt Karate Dōjō 3. Wie wär’s? Lass uns eine Runde zocken!“
Die Zeit verflog. Irgendwann in der Nacht fielen uns die Augen zu und wir legten die Controller beiseite.
„Wer schläft eigentlich wo?“, fragte ich.
„Du als Gast auf der Couch, ich im Bett“, antwortete Miray prompt.
Ich knurrte. „Sollte ich als Gast nicht das komfortable Bett bekommen?“
„Es gibt eine faire Methode, das zu entscheiden.“ Sie machte eine Faust und schüttelte sie dreimal kurz. Provokativ sah sie mich an. „Bist du bereit?“
Ich nickte und ballte meine Faust.
„Schnick… Schnack… Schnuck!“
Der Wecker meines Handys riss mich am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Ich stellte ihn ab und sah mich um. Ich war allein im Zimmer. Das Licht der tiefstehenden Morgensonne fiel durch den Vorhang und traf einen Kleiderschrank am Fußende des Bettes.
Ich richtete mich auf und streckte mich. Ich hatte das Bett gewonnen. Natürlich hatte ich nichts dagegen.
Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass Miray mich hatte gewinnen lassen. Es ging zu leicht.
Ich zog mich an und ging ins Wohnzimmer. Miray war bereits wach. Sie stand in der Küche, in einem rosafarbenen Pyjama mit Schokoladenfleck auf dem Hemd, und summte leise vor sich hin, während sie das Frühstück zubereitete. Ihr Gesicht war ungeschminkt, ihre Haare zerzaust und auf einer Seite platt gelegen.
Als sie mich bemerkte, verstummte sie und sah mich verlegen an.
„Guten Morgen, Miray“, begrüßte ich sie.
„Guten Morgen, Dian.“ Sie hielt zwei Tassen hoch. „Ich wusste nicht, ob du zum Frühstück Kaffee oder Tee trinkst. Also habe ich beides gemacht.“
Der Tag hätte so gemütlich weitergehen können, doch eine Aufgabe wartete auf uns. Als Erstes mussten wir den falschen Koffer holen. Mit jedem Schritt die schmale Treppe zu meinem Büro hinauf kehrte der Alltag zurück. Ich schloss auf und ließ Miray den Vortritt.
Sie sah sich aufmerksam um, und auch ich nahm mir zum ersten Mal die Zeit, die Detektei genauer zu betrachten. Die Wände waren staubgrau, das Mobiliar dunkel und schwer. Unwillkürlich fragte ich mich, ob die Einrichtung aus der Auflösung irgendeiner Behörde stammte.
Miray nahm den Hörer des alten Bakelittelefons ab, lauschte einem Moment dem Freizeichen und legte ihn dann mit einem lauten Klacken wieder auf die Gabel.
„Schon mal darüber nachgedacht, hier einen Film Noir zu drehen?“, fragte sie.
„Der wäre sicher nicht sehr erfolgreich“, knurrte ich und ging in mein Arbeitszimmer.
Der Diplomatenkoffer stand neben dem Schreibtisch. Clara musste den Inhalt wieder eingeräumt haben, während ich in der Verhörzelle des Kommissariats geschmort hatte.
Ich versuchte, ihn hochzuheben, aber der Deckel hielt nicht mehr zu. Also klemmte ich den Koffer unter den Arm und ging zurück zu Miray. Sie stand an Claras Schreibtisch und las einen gelben Notizzettel.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Ein Liebesbrief von deinem Auftraggeber“, sagte sie trocken. „Er wird langsam ungeduldig.“ Sie tippte mit dem Finger auf eine Stelle. „Was meint er mit: ‚Habe Torbellina‘?“
Ich riss ihr den Zettel aus der Hand und las ihn eilig.
Verliere die Geduld. Treffen 12 Uhr, Magatzem de la Marina. Bringen Sie den richtigen Koffer. Keine Polizei. Habe Torbellina. H.
Das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Meine Hände zitterten.
„Er hat Clara!“, rief ich entsetzt.
„Wer ist Clara?“
„Meine Sekretärin! Er hat meine Sekretärin entführt.“
Miray sah auf die Uhr.
„Dann haben wir noch drei Stunden“, stellte sie nüchtern fest, als wäre das eine halbe Ewigkeit. „Wir fahren zum Flughafen. Das ist unsere beste Chance, den richtigen Koffer zu bekommen.“
Der dichte Verkehr auf der Ringautobahn kostete uns wertvolle Zeit, bis wir endlich den Flughafen erreichten. Wir eilten direkt zum Schalter des Gepäckservices.
Als die Frau dort Mirays Uniform sah, schlug sie mit der flachen Hand auf den Tresen und winkte uns heran.
„Na endlich“, schimpfte sie laut, „ich habe Sie schon vor einer halben Stunde gerufen.“
Miray runzelte die Stirn.
„Wir sind nicht hier, weil Sie uns gerufen haben.“ Sie hielt ihr den Dienstausweis hin. „Inspectora Miray. Wir suchen einen Passagier, der einen schwarzen Diplomatenkoffer verloren hat. Ein Flug aus Istanbul, gestern Vormittag.“
Die Frau nickte. „Na, das sage ich doch.“
„Wie bitte?“
„Wegen ihm habe ich die Polizei gerufen.“
Sie deutete auf eine Bank. Dort saß ein Mann in einem hellen, kurzärmeligen Leinenhemd und beigefarbener Stoffhose. Sein dunkles Haar war zerzaust, seine Augen wanderten ruhelos durch die Halle. Neben ihm stand ein schwarzer Koffer.
„Das ist Señor Civera“, sagte die Frau. „Ich stehe kaum hinterm Schalter, habe noch nicht mal meinen ersten Kaffee, da kreuzt er hier auf. Labert ununterbrochen davon, dass sein Koffer nicht sein Koffer ist. Dass irgendwas auffliegen wird. Und er will mich verklagen.“
Civera bemerkte unseren Blick. Sein Körper spannte sich an. Er griff nach dem Koffer, sprang auf und machte zwei schnelle Schritte in Richtung Ausgang.
Dann fiel ihm auf, was ich unter meinem Arm trug.
Er verharrte. Zögerte. Schließlich kam er langsam auf uns zu.
Miray bedankte sich bei der Frau am Schalter. Die grunzte nur: „Viel Spaß mit dem.“
Wir trafen Civera auf halbem Weg mitten in der Halle.
„Inspectora Miray“, stellte sie sich vor und zeigte ihren Dienstausweis. „Gestern kam es offenbar zu einer Verwechslung am Gepäckband.“
Civera kniff die Augen zusammen und beugte sich ein Stück vor. „Inspectora, so so“, murmelte er. „Solche Ausweise kriegt man im Darknet im Dutzend, habe ich gehört.“
Miray neigte den Kopf. „Wollen wir zusammen herausfinden, ob dieser hier echt ist?“
„Im Ernst? Polizeigewalt?“ Civera zeigte mit dem Daumen auf mich. „Der Typ da klaut meinen Koffer, und mich wollen Sie einsperren?“
Miray warf mir einen kurzen Blick zu. Einen Blick, wie ich ihn noch nie bei ihr gesehen hatte. Er war ratlos, fast schon hilflos. Ihr fehlten tatsächlich die Worte.
„Das war alles ein Versehen“, sagte ich schnell. „Unsere Koffer sehen exakt gleich aus. Ich war überzeugt, er gehört mir. Lassen Sie uns einfach tauschen und die Sache hinter uns bringen.“
„Ist das überhaupt meiner?“ Civera musterte das Gepäckstück in meiner Hand. „Nicht, dass da Drogen drin sind und Sie mir etwas anhängen wollen.“
„Schauen Sie doch einfach rein“, schlug ich vor. „Dann wissen Sie es.“
Civera sah mich misstrauisch an, dann nickte er langsam. „Die Inspectora muss sich aber umdrehen.“
Miray ballte die Fäuste. Vermutlich wog sie ab, ob eine Platzwunde an Civeras Kopf die Situation drastisch beschleunigen würde. Ich hob beschwichtigend die Hand und deutete über meine Schulter.
Sie schnaubte, warf Civera einen frostigen Blick zu, dann stellte sie sich mit dem Rücken zu uns und verschränkte die Arme.
Ich griff nach seinem Koffer, doch er zog ihn sofort weg.
„Erst wenn ich weiß, ob Sie wirklich meinen Koffer haben“, sagte er. „Sonst hauen Sie mit Ihrem ab und ich bin der Dumme.“
Ich konnte mir ein Augenrollen nicht verkneifen. Dann gab ich ihm den Koffer. Civera schüttelte ihn vorsichtig und inspizierte ihn. Sein Blick blieb an den Schnallen hängen.
„Sie haben ihn aufgebrochen!“, rief er vorwurfsvoll.
Ich nickte. „Ich dachte, das Schloss klemmt“, log ich. Hätte ich ihm erzählt, dass der Koffer von einem Mann geöffnet worden war, der den Namen eines Toten trug und sich als Geheimagent ausgab, hätte Civera vermutlich auf der Stelle das Weite gesucht.
Civera sah mich grimmig an, dann öffnete er den Koffer behutsam, lugte hinein und schob vorsichtig seine Hand durch die Sachen.
„Es fehlt nichts“, versprach ich.
Er nickte. „Mich interessiert eher, was Sie reingetan haben könnten. Eine Wanze, ein Ortungsgerät, so was.“
Miray ballte die Faust, bis ihre Finger laut knackten. Ihre Augen fixierten einen Punkt in der Ferne.
Civera warf einen Blick zu ihr hinüber. Rasch klappte er den Deckel zu und nickte.
„Sie haben Ihren Koffer“, sagte ich. „Wenn ich nun um meinen bitten dürfte.“
Während Miray sich wieder zu uns drehte, gab Civera mir den anderen Koffer. Er fühlte sich leicht an. Viel leichter, als ich ihn in Erinnerung hatte. Außerdem fehlte an einem Schloss die Schnalle.
„Sie haben meinen Koffer auch aufgebrochen!“, rief ich.
„Belassen wir es dabei“, sagte er patzig. „Dann sehe ich auch von einer Anzeige wegen Diebstahl, Sachbeschädigung und Staatsverschwörung ab.“
„Nur zu“, knurrte Miray. „Machen Sie weiter so, und es gibt noch mehr Anzeigen für Ihre Sammlung.“
„Sie sind eine echte Gefahr für die Bevölkerung, Señora Inspectora“, erwiderte Civera. „Waren Sie schon mal bei einem Polizeipsychologen?“
Ich räusperte mich hastig und klappte den Deckel auf. Die Innenauskleidung starrte mich an. Sonst nichts.
„Er ist leer!“, rief ich und hielt ihm den offenen Koffer hin. „Wo sind die Dokumente?“
Civera machte einen Schritt zurück. „Was für Dokumente? Im Koffer waren nur vier Gefrierbeutel mit getrockneten Maiskörnern.“
„Mais?“ Miray wurde hellhörig. „Was haben Sie mit dem Inhalt gemacht?“
„Na, was man eben damit macht“, grunzte Civera. „Ich habe eine Portion in die Mikrowelle getan.“
Miray sah ihn einen Moment lang an.
„Sie haben Popcorn daraus gemacht?“
Civera nickte.
„Und das haben Sie gegessen?“, fragte ich. „Einfach so?“
„Ich bin doch nicht verrückt!“ Civera schüttelte energisch den Kopf. „Natürlich habe ich sofort vermutet, dass es vergiftet sein könnte. Aber mein Hamster hat es vertragen, also probierte ich selbst davon.“
Er schüttelte sich heftig, als müsse er die Erinnerung loswerden. Dann sah er mich an.
„Señor, wenn Sie mit dem Zeug den Popcornmarkt aufmischen wollen, sage ich Ihnen keine große Zukunft voraus. Das schmeckte so fad wie aufgeschäumte Pappe.“
„Und der Rest?“, fragte Miray. „Sie haben doch sicher nicht alles zu Popcorn verarbeitet.“
„Natürlich nicht! Hören Sie mir überhaupt zu? Der Mist war ungenießbar!“ Er sah sie verständnislos an, dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. „Den Rest habe ich im Park an die Tauben verfüttert.“
Er presste den Koffer an seine Brust. „Also, wo wir jetzt fertig sind, Señor, Señora Inspectora. Das heißt, wenn Sie wirklich eine Inspectora sind.“
Ich sah Miray an. Ihre Lippen waren zusammengepresst, der Kiefer angespannt. Das versprach nichts Gutes.
„Ja, alles fertig“, sagte ich eilig. „Ich denke, Sie sollten besser… Sie können jetzt gehen.“
Civera nickte knapp, klemmte seinen Koffer unter den Arm und verschwand. Nach ein paar Schritten blieb er noch einmal stehen, sah sich misstrauisch um, dann setzte er seinen Weg fort.
„Du weißt, dass ich Gewalt verabscheue“, murmelte Miray, während wir ihm hinterhersahen. „Aber manche Menschen…“
„Egal“, unterbrach ich sie. „Wir haben endlich den richtigen Koffer.“
Sie nickte. „Leer allerdings.“
„Das wird Herrera nicht gefallen.“
„Ganz sicher nicht. Wir brauchen eine Lösung. Wie viel Zeit haben wir?“
Ich sah auf die Uhr. „Noch knapp anderthalb Stunden, und wir müssen mit dem Auto quer durch die Stadt. Das wird eng!“
Sie nickte kurz. „Lass uns auf dem Rückweg trotzdem einen kurzen Stopp einlegen. Ich kann schlecht in Uniform zur Übergabe. Außerdem muss ich noch etwas erledigen.“
Das Magatzem de la Marina war ein altes Lagerhaus in der Nähe des Hafens, ein schlichtes, großes Steingebäude mit schmalen, hohen Fenstern und einem Blechdach. Einst sicher ein unverzichtbarer Teil des Hafenbetriebs, stand es nun leer und wartete darauf, in einen Club umgebaut oder abgerissen zu werden.
Das große Schiebetor an seiner Stirnseite stand einen Spalt offen, als wir Punkt zwölf Uhr eintrafen. Gerade weit genug, um hindurchzuschlüpfen.
Ich ging mit dem Koffer vor. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen.
Die Halle war leer und wirkte verlassen. Durch die trüben Dachfenster fiel fahles Licht, das vereinzelte Lichtflecken auf den staubigen Boden warf, während der Rest des Raumes in düsteren Schatten versank. In der Mitte parkte ein dunkelbrauner Kleinbus, daneben wartete Herrera.
Miray folgte mir. Sie trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug und eine Sonnenbrille, die sie langsam abnahm. Ein paar Schritte hinter mir blieb sie im Dunkeln stehen, kerzengerade, die Hände locker ineinandergelegt.
„He, Carlos“, rief Herrera. „Unser Besuch ist da.“
Ein Mann stieg aus, ein bulliger Typ mit schmalem Schnurrbart, abgewetztem Sakko und schlechter Laune. Er richtete eine Waffe mit Schalldämpfer auf den Bus. Es folgte Clara, langsam, mit erhobenen Händen, darauf bedacht, keine falsche Bewegung zu machen. Als sie mich sah, hielt sie kurz inne, ihr Blick eine Mischung aus Verzweiflung und Erleichterung. Ich nickte ihr langsam zu.
Mit einem Ruck zog Carlos sie näher, presste den Lauf an ihre Schläfe.
Herrera hielt sich die Hand vor die Stirn. Er blinzelte an mir vorbei und bemerkte Miray.
„Ich sagte: Keine Polizei!“, rief er. „Wer ist das, Tapas?“
„Das ist meine Chauffeurin“, rief ich zurück.
Er stutzte. „Chauffeurin?“
Ich nickte. „Klar. Glauben Sie, nur weil ich Detektiv bin, fahre ich meine Karre selbst?“
Diese Ausrede hätte ich mir selbst nicht abgekauft. Bevor Herrera weiter darüber nachdenken konnte, hielt ich rasch den Koffer hoch.
„Ich habe, was Sie wollen“, rief ich. „Lassen Sie Clara frei.“
Herrera lachte laut auf. „Machen Sie Scherze, Tapas? Sie wollten mir schon einmal einen falschen Koffer andrehen. Legen Sie ihn auf den Boden und gehen ein paar Schritte zurück.“
Er hatte Clara und ich keine Optionen. Also tat ich, was er verlangte.
Herrera hob den Koffer auf und betrachtete ihn. Dann runzelte er die Stirn.
„Das Schloss ist kaputt!“
Mein Puls schoss in die Höhe. Hätte dieser verrückte Civera den Koffer nicht aufgebrochen, hätte ich Clara vielleicht schon zurück. Stattdessen durfte ich nun retten, was noch zu retten war.
„Er ist mir heruntergefallen“, sagte ich.
„Heruntergefallen“, wiederholte Herrera. Er drehte den Koffer, betrachtete sich die Ecken.
„Der Mais ist noch drin“, schob ich hastig hinterher. Zu spät bemerkte ich, dass ich das besser nicht gesagt hätte.
„Woher wissen Sie von dem Mais?“
Herrera blinzelte mich an.
Dann öffnete er langsam den Koffer. Er sah hinein, griff zu und zog einen mit getrockneten Maiskörnern gefüllten Beutel heraus. Er drehte ihn in seiner Hand, musterte ihn von allen Seiten.
Würde er ahnen, dass wir ihm eine Attrappe untergejubelt haben?
Er würde.
„Hmm…“, knurrte er. „Sieht merkwürdig aus.“
Ein spitzer Schrei schallte durch die Halle.
Erschrocken drehte ich mich zu Miray um. Sie machte einen kleinen Satz zur Seite, dann sah sie mich verlegen an.
„Eine Maus“, sagte sie leise und stellte sich neben mich. „Ich habe mich erschreckt. Tut mir leid.“
Herrera schüttelte empört den Kopf, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Lieferung. Er warf seinem Partner den Beutel zu.
Carlos fing ihn mit einer Hand aus der Luft, ohne die Waffe von Claras Schläfe zu nehmen. Er taxierte das Gewicht, drückte ihn leicht und schnupperte daran.
„Das ist nicht die Ware“, brummte er. „Ich glaube, das ist einfacher Mais aus dem Supermarkt.“
Herrera sah uns an, als hätten wir ihn persönlich beleidigt.
„Hey“, protestierte Miray, „immerhin ist er bio!“
Herrera drehte den Koffer um, die anderen Beutel fielen auf den Boden. Dann warf er ihn mir vor die Füße.
„Ich verliere die Geduld, Tapas! Was ist mit meinem Mais passiert?“
Mir brach der Schweiß aus. Wir waren aufgeflogen. Was ich ihm nun sagen musste, würde ihm nicht gefallen. Aber was brachte es jetzt noch, ihn anzulügen?
Ich nickte verlegen.
„Gut, ich sage Ihnen die Wahrheit. Am Flughafen kam es zu einer Verwechslung, ein Mann nahm versehentlich Ihren Koffer mit. Er brach ihn auf, fand den Mais und steckte ihn in die Mikrowelle.“
Herrera klappte der Mund auf.
„Er… Er hat das Zeug gepoppt?“, stammelte er.
„Nicht die ganze Ladung“, beschwichtigte ich. „Den Rest hat er an Tauben verfüttert.“
Herrera hielt sich die Stirn und stöhnte laut. „Ich habe zweihundert Riesen für das Zeug hingeblättert, und es endet als Vogelfutter.“
„Zweihundert Riesen?“ Ich schluckte. „Wer zahlt so viel Geld für einen Koffer voller Mais?“
„Er war genmanipuliert, nicht wahr?“, sagte Miray. „In der EU nicht zugelassen. Deshalb musste er über die Türkei ins Land gebracht werden.“
„Gut erraten“, knurrte Herrera. „Das war Zuchtmaterial. Resistent gegen Schädlinge, robust, wächst wie Unkraut.“ Er schnaubte. „Mit dem Zeug hätte ich ein Vermögen gemacht. Alles, was ich brauchte, war ein Trottel, der das Risiko übernahm, es ins Land zu schmuggeln.“
„Und der Trottel war ich?“, rief ich empört. „Lassen Sie mich raten: Meine Rechnung für Sie hätte ich mir auch einrahmen können.“
Ich deutete auf die Beutel am Boden.
„Der Mais ist vernichtet, Herrera. Aber das war nicht unsere Schuld. Lassen Sie Clara frei und uns gehen!“
Herrera lachte kurz, dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Sie gehen nirgendwo mehr hin, Tapas. Ihre Dummheit hat mich eine ganze Stange Geld gekostet. Außerdem wissen Sie zu viel.“
Er machte eine knappe Handbewegung zum Transporter.
„Wir steigen jetzt alle artig ein und fahren zum Hafen. Ich habe ein kleines Boot, damit unternehmen wir eine gemütliche Rundfahrt. Leider ohne Rückfahrkarte für Sie.“
Carlos deutete mit der Waffe zum Auto, dann richtete er den Lauf wieder auf Claras Kopf.
„Tu doch was“, flüsterte ich Miray zu.
„Was denn?“ Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern.
„Du könntest ihn entwaffnen. So wie damals Farges im alten Stall.“
Sie lachte verzweifelt. „Hältst du mich für Houdini? Carlos steht mindestens drei Meter weit weg. Bevor ich nah genug bin, habe ich längst eine Kugel im Kopf.“
Plötzlich ertönte aus einer dunklen Ecke der Halle der Klingelton eines Handys.
Carlos zuckte zusammen und riss die Waffe in Richtung des Geräuschs.
Miray nutzte die Gelegenheit. Sie machte einen schnellen Satz auf ihn zu, ballte ihre Fäuste, bereit zum Schlag.
Doch Carlos reagierte sofort. Er drehte sich herum und richtete den Lauf auf Mirays Kopf. Wie eingefroren blieb sie stehen, hob langsam ihre Hände.
„Netter Versuch“, sagte Herrera ruhig. „Aber der einzige Zugang zur Halle ist durch das Tor. Und das hatten wir die ganze Zeit im Blick. Außer uns kann niemand hier sein.“
Clara und Miray tauschten einen Blick. Für einen Augenblick schien es, als würden sie sich wortlos verstehen.
„Doch“, rief Clara, „da ist jemand!“
Carlos drehte sich reflexhaft um, der Lauf folgte seiner Bewegung.
Sofort rammte Clara ihren Absatz in seinen Fuß. Carlos schrie laut auf, fluchte, riss die Waffe hoch. Nur für einen kurzen Moment.
Aber er reichte.
Miray drehte sich um die eigene Achse und traf Carlos mit einem gezielten Tritt ihres ausgestreckten Fußes am Kiefer. Ein kurzes Stöhnen. Er taumelte, drehte sich und fiel wie ein Brett zu Boden. Regungslos blieb er liegen.
Die beiden Frauen klatschten kurz ab, dann nahm Clara die Waffe und richtete sie auf Herrera. Langsam hob er die Hände. Sein Blick ruhte missmutig auf Miray.
„Chauffeurin, was?“, knurrte er. „Und jetzt? Rufen Sie die Polizei? Sie haben nichts gegen mich in der Hand. Die Entführung werden wir abstreiten. Und im Koffer war nur Popcornmais aus dem Supermarkt. Völlig legal.“
„Einen Moment“, sagte Miray und ging zur Ecke, aus der das nervtötende Klingeln kam. Sie schaltete das Geräusch ab und kehrte mit einem Smartphone in der Hand zurück.
„Vielen Dank“, sagte Herrera spöttisch. „Ist das Ihr Handy, oder wem gehört dieser schlechte Geschmack?“
„Es ist meins.“ Miray zuckte mit den Schultern. „Aber keine Sorge: Wo Sie hingehen, werden schlechte Klingeltöne Ihr kleinstes Problem sein.“
Mit einer lockeren Bewegung ließ sie das Handy in ihrer Hand kreisen.
„Als ich ahnte, dass Sie unseren Trick mit dem Mais durchschauen würden, stellte ich einen Timer und kickte das Handy in eine dunkle Ecke. Unauffällig ging das nicht, also musste ich improvisieren.“
Ein kurzes Schmunzeln huschte über ihr Gesicht.
„Meine Begegnung mit einer Maus haben Sie mir abgekauft, Señor Herrera, oder wie auch immer Sie wirklich heißen. Leider glaubten Sie nicht, dass noch jemand hier ist.“
Mit einer Wischbewegung wechselte sie die App.
„Allerdings kann so ein Smartphone mehr als nur klingeln.“
Sie drehte den Bildschirm zu uns. Eine animierte Tonbandspule rotierte, darunter war ein roter Aufnahmeknopf.
„Ich habe alles mitgeschnitten. Den Schmuggel, die Entführung, Ihre Einladung zur Rundfahrt ohne Wiederkehr. Alles.“
Jetzt grinste sie breit.
„Ich denke, das reicht für eine wasserdichte Anklage. Entschuldigen Sie mich, ich muss Subinspector Torres anrufen.“
Es dauerte nicht lange, bis Torres mit ein paar Streifenwagen vor die Lagerhalle fuhr und Herrera abführte.
Der grüne Kreis umkringelte schon unsere Tattoos. Trotzdem gönnten wir uns spontan ein kleines Festmahl in der Tapasbar unter dem Büro. Satt und zufrieden saßen Clara, Miray und ich zusammen und ließen den Abend ausklingen.
Toño kam an unseren Tisch und setzte sich zu uns. „Tut mir leid“, sagte er, „ich muss die Bar jetzt schließen. Hattet ihr einen schönen Abend?“
Wir nickten begeistert. Toño hatte uns mit einem best-of seiner Speisekarte verwöhnt. Als er die obligatorische Crema Catalana servierte, platzten wir schon fast. Zufrieden hielten wir uns die Bäuche.
„Schau sie dir an!“, sagte Clara zu Toño und deutete auf uns. „Gestern suchte Dian noch eine Frau. Platinblond, irgendwas mit Augen wie ein See, sehr poetisch.“ Sie hob ihr Glas. „Heute taucht sie wie aus dem Nichts auf, rettet uns den Arsch, und jetzt sitzt sie neben ihm, als würden sie sich schon ewig kennen.“
Ich wollte ihr sagen, dass das kein Zufall war, doch Miray schien es zu ahnen. Zu wissen, dass das nur zu vielen weiteren neugierigen Fragen führte.
Sie gab mir unter dem Tisch einen leichten Tritt, dann lächelte sie in die Runde.
„Ja“, sagte sie und kicherte. „Es gibt schon merkwürdige Zufälle, nicht wahr?“
Wir standen auf, bedankten uns bei Toño und verließen gemeinsam das Restaurant. Nachdem er abgeschlossen hatte, sah er uns an.
„Ich werde Clara nach Hause begleiten“, sagte er. „Nach dem, was sie heute erlebt hat, ist mir das lieber.“
Sie verschwanden in der Nacht. Wir sahen ihnen hinterher, bis sie in eine Nebenstraße bogen. Endlich waren wir allein.
„Was für ein Abenteuer“, stöhnte ich. „Gut, dass du Carlos ausgeschaltet hast. Aber war der Roundhouse Kick nicht ein wenig übertrieben?“
Miray lachte verlegen.
„Kann sein. Ich habe mir vorgestellt, es wäre Civera mit seinem Tick. Die Begegnung am Flughafen verfolgt mich immer noch.“
Ich sah sie einen Moment lang an.
„Danke, dass ich bei dir übernachten durfte“, sagte ich schließlich. „Es war ein besonderer Abend für mich.“
Sie nickte. Atmete einmal tief.
Dann, leise: „Vergiss nicht, es war die Wohnung der Miray aus València. Wer weiß, ob dir meine echte Wohnung gefallen würde.“
Ich seufzte. „Das möchte ich eines Tages gerne selbst herausfinden, Miray.“
„Wir wissen beide, dass das nicht passieren wird.“
„Ja“, sagte ich. „Du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dass das hier nur ein Traum ist.“
„Nun denn…“ Sie sah auf ihr Tattoo, als wäre es eine Uhr. „Ich hasse lange Abschiede.“
Sie legte die Hand auf ihr Handgelenk und sah mich erwartungsvoll an.
Ich winkte ihr noch kurz zum Abschied, bevor ich uns aus València zurück in unsere eigenen Welten brachte.